November 2 2019

Shocking Tarawa

Der erste Landgang in einem neuen Land ist immer sehr spannend. Doch wo parken wir das Dinghi? Hier toben Kinder im dreckigen Hafenwasser, dort eine unüberwindbare Mauer und am Ende vom Kanal liegen kleinere Frachtschiffe. Kein Platz. So fragen wir die Crew eines dieser Schiffe, ob wir das Dinghi daran anbinden können. Es ist heiss und im Hafen reizen merkwürdigste Gerüche das Riechorgan. Ein Wachmann entlässt uns durch ein klappriges Gittertor auf die Hauptstrasse. Laute Musik dröhnt aus den einen Geschäften. Autos und Motorräder sausen hin und her. So nun erst mal Bargeld beschaffen und eine neue SIM Karte für Internet muss her. Die ist schnell gefunden und mit sauteuren Daten aufgeladen.

Hütten und grössere Steinhäuser stehen in diesem überbevölkerten Atoll dicht gedrängt. Dazwischen liegen Autowracks, Schiffscontainer und viel Müll, worin Hühner und Hunde nach Fressbarem suchen. Alles ist staubig und dreckig. Bleiben wir stehen, sind wir in einer Wolke Fliegen eingehüllt. Wie eklig! Nein wir stinken nicht. Alle sind frisch gewaschen. In Kiribati scheint Endzeitstimmung zu herrschen. Wen wunderts!? Diese mitten im Pazifik gelegene Inselgruppe leidet massiv, denn durch den Klimawandel steigt der Meeresspiegel stetig. Doch niemand in den Industrienationen scheint dies zu interessieren. Mich beelendet das alles sehr. Ich bin traurig. Die Kinder rufen fröhlich “Mauri Imatang”, was so viel wie hallo Fremder heisst. Sie rennen mit erhobener Hand auf uns zu und wollen im Ami-Style einen Handschlag machen.

Inzwischen verlegten wir Inti und Robusta an einen Ankerplatz vor dem Parlament. Hier liegen die beiden Yachten ruhig und geschützt.  Da ist auch eine optimal bewachte Anlegestelle für das Dinghi. Im Clubhaus der Parlamentarier können wir sogar duschen. Doch ab nächster Woche findet eine Tagung statt und all das wird nicht mehr möglich sein. 

Früchte und Gemüse sind hier fast nicht existent. Und wenn, dann aber so richtig krass teuer, denn es handelt sich um importierte Ware aus Australien. Es fehlt Platz für den Gemüseanbau. Sauberes Wasser ist ebenfalls ein grosses Problem. Kein Wunder ist hier die Kindersterblichkeit so hoch und die Lebenserwartung tief.

Thomas und ich erkunden das Atoll per Minibus. In solch einem Gefährt befinden sich oft mal über 20 Personen. Eine Frau kassiert und regelt wo der Fahrer anhalten soll. Bezahlt wird beim Aussteigen. 

In der Nacht muss ich mehrmals erbrechen. Sowas hatte ich schon Jahrzehnte nicht mehr. Ich fühle mich elend. Dabei sind wir morgen früh mit Molly verabredet. Sie bietet Führungen zu den Relikten aus dem 2. Weltkrieg an. Auf der Insel Betio tobte eine wüste Schlacht um die Gilbertinseln. Die damals von den Japanern besetzte britische Kronkolonie, wurde von den Amis befreit. Dabei verloren innert vier Tagen rund 7000 Menschen ihr Leben!

Ohne Molly hätten wir die Trümmer niemals gefunden. 

 Es ist extrem stickig heiss. Die nächsten Tage wird der Wind ausbleiben und in der Lagune sollen wir nicht baden, da die Menschen ihre Notdurft darin entledigen. Ich bin schlecht gelaunt.

Die Bewilligung das Atoll Abaiang und Butaritari zu besuchen, bekommen wir vom Mann mit der eingebundenen Hand innert weniger Minuten.

Jetzt aber nichts wie weg hier! Intis kommen in ein paar Tagen nach.

October 31 2019

Kiribati, Tarawa

Die Passage von Tuvalu bis Kiribati war echt entspannt. Die Prognosen sahen ja nicht gerade vielversprechend aus. Doch der Wind reichte gerade um den fetten Stahleimer in Bewegung zu halten. Ab und zu mal ein kleiner harmloser Squall und Gewitter in der Ferne. Regen bringt jeweils eine nette Gelegenheit zum Duschen und die Wassertanks zu füllen. Davon hätten wir gerne mehr gehabt. Das Leichtwindsegel ist leider beim Setzen an einer Klampe hängen geblieben, wobei ein kleiner Riss entstand. Den einen Tag Flaute verbrachten wir mit gemütlich rumhängen. Zu unserer Freude tauchte ein Walhai neben der Robusta auf! Es handelt sich dabei um den grössten Hai und Fisch der Welt! Ich dachte erst da taucht ein U-Boot auf.

Während dieser Passage sind wir das zweite Mal in unserem Leben, bei 173 Grad 11 Minuten Ost über den Äquator gesegelt. Wir sind wieder auf der Nordhalbkugel. Pünktlich zur Feier hat auch noch ein Thunfisch angebissen!

Segelyacht Inti war fast die ganze Woche in Funkreichweite. Nur gerade an dem Tag, wo sich Jona beim Fisch schlachten, deftig in die Hand geschnitten hatte, waren wir zu weit weg. Hätten sie gerne wenigstens moralisch unterstützt! Den Schnitt hat sich Jona wie ein Vollprofi selber zugenäht. Es sei total streng gegangen durch das Fleisch zu stechen. Claudi war für Operationstisch herrichten, Wunde zusammenhalten und die Knoten zuständig. Der Palstek hat aber nicht so gut gehalten. Was für ein tolles Team!

Ist schon ein gutes Gefühl wenn noch Freunde in der Nähe sind. In Kiribati, vor dem Pass ist Robusta’s Motor nicht angesprungen. Der Wind war weg. Mir schnürte es erst mal deftig den leeren Magen zusammen. Doch wir sind nicht in Gefahr. Die Strömung treibt uns vom Riff weg. ich rufe per Funk Inti an. Jona gibt noch paar wertvolle Tipps durch. Thomas prüft die Stromanschlüsse zwischen Batterie und Motor. Doch hier liegt das Problem nicht. Mit einer Schere kurzschliessen klappt dann. Die Kiste brummt wieder. Doch die Versorgerbatterien werden nicht geladen. Mist. Also nochmals abstellen. Mir entfährt ein Schrei! Thomas findet den Fehler doch noch. Ein Kabel zum Anlasserrelais war unterbrochen.

Beim Nachmachen Schere mit Plastikgriff benutzen, damit es nicht kitzelt!

Diesmal rufen wir vor der Ankunft brav die Port Control an. Erst spricht mal keiner Englisch. Irgendwann meldet sich doch noch jemand und ruft nach Itti und Rosta. Die Boarding Party muss an Land abgeholt werden. Sechs Personen. Ohje, wir haben nur ein kleines Dinghi! Thomas braust los, holt mal zwei Personen ab. Von der nächsten Fuhr ist der eine Beamte trief nass und mit Blut verschmiert. Beim Einsteigen sei er auf den Steinen ausgerutscht und ins Meer gestürzt. Die haben nicht mal einen Steg! Nummer fünf und sechs verzichteten auf die abenteuerliche Fahrt. Umso besser. Erst mal eine Zigarette für den Patienten und dann die Wunde waschen und schön verbinden.

So und nun an die Arbeit. Doch die armen Leute haben nicht mal Formulare! Name, Vorname und Geburtsdatum, plus noch alle frischen Lebensmittel und Angaben über Waffen und Tiere notiert Thomas auf ein Blatt Papier. So und jetzt nochmal alles abschreiben, denn die armen Leute haben auch keinen Kopierer! Der nasse Mann guckt noch ins Bad, in die Vor- und Achterkabine und hinterlässt dabei mit breitem Grinsen eine beachtliche Lache.

Das war schon alles. Die Pässe sind gestempelt. Falls wir in ein anderes Atoll segeln wollen, muss einige Tage zuvor ein Antrag bei Customs gestellt werden.

Welcome to Kiribati! “Mauri” ist das erste Wort was wir lernen und heisst soviel wie hallo.