November 1 2020

Anchorage

Fotos sind diesmal keine dabei. Das Thema ist zu brisant. Diese Menschen verdienen Achtung und Persönlichkeitsschutz.

Zu Fuss streifen wir durch das Zentrum von Anchorage. Viele Lokale und Läden sind geschlossen. Bäume und Sträucher tragen Blätter die in allen Farben in der Sonne leuchten. Trotzdem erscheint alles etwas gespenstisch. Nur wenige Autos fahren herum. Die Parkplätze sind fast leer. Im Zentrum fallen mir die vielen verwahrlosten Menschen auf. Jede Altersgruppe scheint vertreten. Auch Kinder sind unter ihnen und auffallend viele Frauen und Natives. Durchaus keine homogene Gruppe. Entlang der Uferpromenade im Wald und sogar im Park, stehen Zelte oder aus Ästen und Planen gebaute provisorische Behausungen. Eine schmutzige Hand mit schwarzen Fingernägeln, zeigt in unsere Richtung. Sie gehört der Frau, die auf einem Stück Karton auf dem kalten Boden sitzt. Ein freundliches God bless you entgegnet sie für die paar Dollarscheine. An Strassenkreuzungen wird gebettelt oder versucht mit Scheibenreinigen etwas Kleingeld zu verdienen. Dass viele von ihnen ein Alkoholproblem haben, ist offensichtlich. Doch auch harte Drogen wie Heroin, Crack und anderes, fanden ihren Weg in den hintersten Winkel der Erde.  

Nun steht auch noch der Winter vor der Tür. Wie soll das gehen? Im Zelt pennen, bei Temperaturen weit unter null Grad Celsius? Mich beschäftigen diese Schicksale und es beelendet mich sehr zu sehen, wie dieses wunderschöne Land aus diversen Gründen leidet. 

Bei unseren Freunden bekommen wir mal wieder Gelegenheit zum Fernsehen und intensiv das Internet zu durchstöbern. So stossen wir auf einige traurige Fakten im Netz. Doch viele Fragen bleiben unbeantwortet. Die Zahl der Erwerbslosen ist in Anchorage mit Einzug von Covid19 auf über 14 % hochgeschnellt. Viele Menschen kamen in die Stadt um einen gut bezahlten Saisonjob zu finden. Doch für so viele ging dieser Plan nicht auf. Die hier Gestrandeten können sich die weite Heimreise nicht mehr leisten. Flüge sind gestrichen und die Langstreckenbusse verkehren zur Zeit auch nicht. Alles ist im entlegenen Alaska teurer als sonst wo in den Staaten. Wer die Miete oder die Raten für das Haus nicht mehr bezahlen kann, endet in Kürze auf der Strasse ab. Die Gesundheits- und Sozialhilfebehörde sind gefordert. Wird es kalt, werden Menschen erfrieren. So wurde im April die Sullivan Arena in eine Notschlafstelle umfunktioniert. Dort übernachten im Schnitt 350 Personen auf Feldbetten. Durch Covid19 bedingt, mit einem Abstand von gerade mal zwei Metern. In der Eis Arena sind nahezu eben so viele Frauen und Familien untergebracht. 

Am 3. November wird in den Vereinigten Staaten Amerika ein neuer Präsident gewählt. Die Stimmung ist derart aufgeheizt. Die Bevölkerung ist absolut gespalten. Themen wie Gesundheitssystem, Wirtschaft, Ethnische Spannungen, Wahlsystem, Waffen, Abtreibung sind  Reizworte. Schnell wird uns klar, über Politik reden ist heikel.

Verlierer wird es bei den Wahlen 2020 so oder so geben. Die ganze Situation scheint mir ein gefährlicher Nährboden für Konflikte, vor allem wenn das Ergebnis eng ausfallen wird.

Morgen fahren wir wieder nach Homer zurück. Mal schauen, wie es der Robusta geht, denn in der vergangenen Woche sind mehrere heftige Stürme übers Land gefegt und es hat auch schon geschneit.

 

 

 


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Posted November 1, 2020 by robusta in category "Alaska

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