May 15 2021

Realität oder Aberglaube?

Irgendwie stellt sich das sonst so bekannte Gefühl einer gewissen Gelassenheit beim Segeln nicht ein. Beide sind wir angespannt. Schnell mal gereizt und bereit für Zänkereien um Kleinigkeiten. Was ist anders als sonst?

Thomas freut sich tierisch wieder zu reisen. Ich kämpfe mit Abschied nehmen. Von einem Ort, an dem wir immerhin sieben Monate geblieben sind. Eine tolle abwechslungsreiche Zeit der Sesshaftigkeit für uns Fahrende. Nun einfach tschüss zu sagen, mit dem Wissen, dass die Wahrscheinlichkeit auf ein Wiedersehen  klein sein wird, damit habe ich als sozialfreudige Person zu kämpfen. Die nächsten Monate werden wir  in einer Zweierkiste auf engstem Wohnraum verbringen.

Uns bleiben noch sieben Wochen um nach Kanada zu segeln. Ob die Grenze bis dann offen sein wird, steht in den Sternen. Jeden Monat debattiert Kanada und die USA erneut über eine Öffnung. Der Druck steigt auf die Sommerferien. Im Herbst steht die Präsidentschaftswahl an. Trudeau, der amtierende kanadische Präsident, so denken wir, will sich keinesfalls negativ exponieren. Eine der Bedingungen für Lockerungen ist die Durchimpfung von 75% der Bevölkerung.  Ein etwas utopisches Ziel bei so viel Impfskepsis? Zudem ist Kanada voll und ganz auf Import des Impfstoffes angewiesen. Aktuell liegt Impfquote bei 35% haben eine Dosis bekommen, voll geimpft sind soweit 3 %. Im Vergleich die Zahlen der USA: 60 % eine Dosis, 49 % voll geimpft. Mit der einhergehenden Krise in Indien, hat Kanada aus Solidarität auf die Lieferung von Impfdosen von dort verzichtet.

Wir mögen gar nicht an die Enttäuschung denken, nicht nach Kanada einreisen zu dürfen.  Schon Jahre freuen wir uns auf diesen enorm spektakulären Teil dieser Reise! Noch beschissener ist der Fakt, wenn Kanada nicht öffnet, bliebe uns auch die Einreise in die Lower States der USA verwehrt (Washington, Oregon, Kalifornien). Also Alaska – Mexiko Nonstop, eine Strecke von gerade mal 2600 Seemeilen!

Susia hat die Aufgabe bekommen, die Neuigkeiten per Mail an unseren Kurzwellenfunk zu senden, denn wir werden kein Internet oder Telefon haben.

ES IST WIE ES IST – THINK POSITIV- ALLES IST SUPER!

So versuchen wir uns auf die Herausforderung der nächsten Etappe, aufgestellt und mit Freuden einzulassen. Doch das positiv thinking wird schon schnell arg strapaziert. Trotz traumhafter Prognosen ist da null Wind. Zu allem Übel noch mit Wellen von der Seite. Vier Stunden unter Motor, ohne Autopilot zu reisen, gefällt uns nicht. Beide haben am nächsten Tag Muskelkater vom Seegang ausbalancieren. Die Seebeine müssen nach dem Winterschlaf erst wieder wachsen.

Port Chatham ist kein Hafen wie es der Name ausdrückt. Die Siedlung ist seit 1949 verlassen. Als wir das erste Mal von diesem Ereignis hörten, dachten wir die Erzählerin hätte einen Flick weg. Bei der Planung stiess ich erneut auf mysteriöse Berichte. Fischer und Jäger schildern ähnliche Erlebnisse. Doch konkret hat niemand etwas gesehen. Schräg. Hat da etwa der Nebel die Phantasie beflügelt? War da ein Überfluss an Alkohol oder etwa ein spezielles Kraut im Spiel? Es ist das „ES“. Oder das Nautiinaq, welches übersinnliche Kräfte und Energien besitzt.

Umso neugieriger sind wir jetzt geworden.

Die Küste ist zerklüftet. Entlang des verzweigten Fjords ragen schneebedeckte Berge zu allen Seiten empor. Zahlreiche Felsblöcke ragen bei Ebbe aus der See. Ein absolut schöner Flecken Erde.  Scheint ein durchaus lebenswerter Ort zu sein. Als da noch wer war, lebten diese Leute vom Fischfang und der Jagd, betrieben eine Konservenfabrik, oder bauten Chrom in den Minen ab. Doch wenn Menschen auf unerklärliche Weise spurlos verschwinden, oder grob verstümmelt, wie es kein Bär zustande bringt, mit der Flut vor die Siedlung getrieben werden, ist das eindeutig zu gruselig.

Wir bleiben mehrere Tage. Nicht etwa weil wir dringend das Nautiinaq sehen müssen. Nein. Zwei Tiefs, bringen um die 35 Knoten Gegenwind. Die letzte Nacht wurden wir regelmässig von Williwaws gebeutelt. Sogar bei ruhigem Wetter. Ich habe schlecht geschlafen. Erster Gedanke, wenn ich durchs das Zerren an der Ankerkette geweckt wurde, war an das Nautiinaq. So wechseln wir den Ankerplatz. Die Wahl fällt auf eine weite Bucht, vor einem offenen Tal im Lee, in zehn Meter Wassertiefe. Eigentlich müsste der Wind von der Topografie her, hier voll durchdonnern. Doch dort liegt ein Fischkutter und ein Ausflugsboot vor Anker. Also kann diese Stelle nicht all zu blöd sein. Besser starker Wind mit viel Platz um viel Kette zu geben, als die Williwaws, die von allen Seiten, mit enorm zerstörerischer Stärke von den Berghängen runter toben.

GRIB Files versprechen  moderaten Westwind. Also los!

Thomas steht am Steuer. Ich lese in der Koje und schlafe dabei ein. Stunden später nehme ich wahr, dass der Motor noch immer läuft. Es ist laut. Mein Kopf dröhnt. Warum ist der verfluchte Motor so laut? Die Prognosen sind schon wieder falsch. Segeln ist so was von angenehmer. Die Windsteueranlage übernimmt die Arbeit. Der durch’s Wasser gleitende Rumpf, kreiert im Innern eine Symphonie aus Plätschern und Gurgeln. Das lieben wir,  und dazu erst noch die Kraft der Natur zu spüren. 

 

 


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Posted May 15, 2021 by robusta in category "Alaska

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