{"id":11532,"date":"2020-07-15T19:26:52","date_gmt":"2020-07-15T19:26:52","guid":{"rendered":"https:\/\/sy-robusta.ch\/?p=11532"},"modified":"2020-12-10T02:31:29","modified_gmt":"2020-12-10T02:31:29","slug":"passage-von-japan-nach-alaska","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sy-robusta.ch\/?p=11532","title":{"rendered":"Passage von Japan nach Alaska"},"content":{"rendered":"<p>Da war dauernd so ein flaues Gef\u00fchl in der Magengegend. Wirre Gedanken zogen wie schwarze Wolken am Horizont durch meine Seele. \u00d6fter als \u00fcblich, schweift mein Blick \u00fcber die sich immer aufgew\u00fchltere See. Jetzt, einen Monat nach der Ankunft in Alaska, kann ich diese abgr\u00fcndigen Gef\u00fchle einordnen.&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt einfachere Reviere. Segeln in der Westwindzone bedeutet mit dem schlechten Wetter zu ziehen. Regen und starker Wind, mit entsprechend hoher See, werden unsere Begleiter sein. In den h\u00f6heren Breiten wird Nebel und K\u00e4lte zu einer weiteren Herausforderung. Ist echt schr\u00e4g bei 30 Grad Hitze im Hafen die Schwerwetterkleidung an der Reling auszul\u00fcften.&nbsp;<\/p>\n<p>ngg_shortcode_0_placeholderVor der Abreise achten wir besonders darauf, alles sicher zu verstauen. Die Schapps sind zus\u00e4tzlich noch mit Bettw\u00e4sche oder Klamotten vollgestopft, damit nichts rumrutscht und klappert. \u201eLess mess ,, less stress\u201c ist die einfachste Formel auf See. So optimal wie sich&#8217;s anh\u00f6rt, ist&#8217;s dann aber auch wieder nicht. Das f\u00e4llt sp\u00e4testens auf, wenn keine Socken mehr im Kleiderfach zu finden sind, die n\u00e4mlich gerade irgendwo als Polsterung im Einsatz sind.&nbsp;<\/p>\n<p>Mit unseren Freunden, die wenige Stunden vor uns in See gestochen sind, werden wir alle Tage die Position und die Befindlichkeit per Mail austauschen. Unser Ziel ist Dutch Harbor in Alaska (3300 Seemeilen). Pino segelt nach Victoria in Kanada, wo ihre Reise auch begonnen hat (4300 Seemeilen). Robusta ist mit VHF und Kurzwellenfunkger\u00e4t (SSB) ausger\u00fcstet. Mails und Wetterbericht kann nur zu bestimmten Tageszeiten \u00fcber das Pactor Modem gesendet werden. Dazu stehen 90 Minuten Sendezeit pro Woche zur Verf\u00fcgung. Der Wetterbericht geht ebenfalls auf dieses Konto. Senden oder empfangen einer einfachen Email, dauert mehrere Minuten. Pino kommuniziert per Iridium Go, einem Satellitentelefon, welches zu jeder Zeit einsatzbereit ist.&nbsp; Zusammengefasst.. die Kommunikation zwischen Pino und Robusta beschr\u00e4nkt sich auf Emails. So haben wir uns das jedenfalls vorgestellt. Doch die Seeregion \u00f6stlich von Japan liegt nicht im Abdeckungsbereich. Die eine Betreiberstation liegt in Brunei, die andere in Hawaii. Beide sind zu weit entfernt.<\/p>\n<p>Der Wetterbericht ist bereits sechs Tage alt. So feuert Thomi den altbew\u00e4hrten Wetterfax an. Nach einigen Minuten, taucht wie von Zauberhand das Bild mit den Isobaren auf. Ein weiteres kr\u00e4ftiges Tief zieht aus Ost heran. Kurs\u00e4nderung nach S\u00fcdost ist angesagt. N\u00e4chster Wegpunkt liegt auf 32 Grad Nord. Der Wettlauf mit der Zeit beginnt. Schaffen wir es dem Tiefdruckgebiet auszuweichen? Jimmy Cornells Faustregel zu dieser Strecke lautet..s\u00fcdlich von 35 Grad Nord bis 165, 170 Grad Ost segeln. Von dort direkten Kurs nach Dutch Harbor anlegen. Doch dort wo Jimmy empfhielt, sieht es ganz und gar nicht gem\u00fctlich aus. (mehr dazu im Abschnitt &#8220;Gedanken zur \u00dcberfahrt&#8221;)<\/p>\n<p>Pino, wo bist du? Wie geht es euch? Seit ihr seekrank? K\u00f6nnt ihr essen? Seit ihr trocken?&nbsp; Wo seit ihr???<\/p>\n<p>Eurybia, G\u00f6ttin der Beherrschung der Meere, ist eindeutig am pennen. Robusta taucht immer heftiger in die See. Ins Grosssegel ist das dritte Reff gebunden, der Kl\u00fcver ist eingerollt. Die Fock steht noch. Die Windsteueranlage Pazific Plus arbeitet perfekt. Bei gegen 40 Knoten Wind, haut es den kardanisch aufgeh\u00e4ngten Kochherd aus der Verankerung. Ist zum Gl\u00fcck nicht w\u00e4hrend dem Kochen geschehen. Mit Draht und aus Weinzapfen geschnittenen Keilen, sitzt der Herd wieder in der Nische fest. Doch er ist nicht mehr beweglich und der Inhalt der T\u00f6pfe wird bei Kr\u00e4ngung garantiert rausflutschen. Fliegende Pfannen hinterlassen im neu renovierten Boden schon wieder deftige Hicke. Im Motorraum steht Wasser in der Bilge. Dort ist es sonst immer total trocken! Der Seegang war die letzten Tage immer wieder mal krass. Wellen sch\u00e4umen \u00fcber&#8217;s Deck. Jedes Tiefdruckgebiet beschert viel Regen mit minimaler Sicht. Doch zum Regenwasser f\u00fcr Trinkwasser sammeln, ist die See viel zu wild. Also ist sparen angesagt. 450 Liter Wasser m\u00fcssen f\u00fcr mindestens vier Wochen ausreichen. Der Abwasch wird im Cockpit mit Seewasser vollzogen. Jede kleinste T\u00e4tigkeit ist anstrengend. Bin ich wirklich hungrig? Was ist eher auszuhalten? Sich in Schr\u00e4glage am Herd abm\u00fchen oder vom Knurren des Magens wach gehalten zu werden? Muss ich wirklich pissen? Nein doch nicht. Ich nutze den Harndrang positiv zur St\u00e4rkung der Beckenbodenmuskulatur.&nbsp;<\/p>\n<p>ngg_shortcode_1_placeholderIn den Kojen fl\u00e4zen und alle 20 Minuten Ausguck halten geht am besten. Wir lesen lustige, leichte Literatur und studieren viele Revierberichte \u00fcber Alaska. Auf See schaue ich gerne Piratenfilme auf dem Tablet. Sowas soll Ungl\u00fcck bringen! Na ja, bis jetzt sind wir beide noch nicht abergl\u00e4ubisch. Im Motorraum steht schon wieder etwas Wasser. Es schmeckt salzig. Doch wo kommt es her? Wasser in der Bilge, ist auf hoher See eine echte Bedrohung. Thomas checkt mit der Taschenlampe alles nach Spuren ab. Seeventile, Schl\u00e4uche, Stopfbuchse. Alles scheint dicht zu sein. Wird jedenfalls alle paar Stunden kontrolliert und das Wasser wird regelm\u00e4ssig abgepumpt. Ansonsten ist innen alles trocken. Thomas hat vor der \u00dcberfahrt s\u00e4mtliche Bullaugen mit einer dicken Plastikfolie doppelverglast um Kondensation zu vermeiden. Die Decksluken ebenfalls. An den Rahmen hat er ein schmales Magnetband geklebt. Auf eine dicke Folie ebenfalls. So kann die Folie locker zum l\u00fcften entfernt werden und ist in wenigen Sekunden wieder montiert. Funktioniert perfekt! Das Klima in der Robusta ist noch immer angenehm. Keine Feuchtigkeit in den Schr\u00e4nken. Kein Gammelgeruch.&nbsp;<\/p>\n<p>Endlich kommt am zehnten Tag eine Funkverbindung zustande! Auf hoher See Mails zu erhalten, ist immer eine riesige Freude. Speziell die Mails von meinem Papa sind ein Hochgenuss. Sein Humor ist un\u00fcbertrefflich und entlockt uns selbst bei verschissensten Bedingungen ein lautes Lachen. Kollegen vermitteln uns mit John und Jeniffer die gerade von Hawaii nach Dutch Harbor segeln. Von Reto sind mehrere Mails eingegangen. Er macht sich Sorgen. Doch er ist ebenfalls Hochseesegler mit jahrelanger Erfahrung. Er weiss, dass eher die Technik bockt, als das ein Schiff abs\u00e4uft. Reto hat f\u00fcr uns t\u00e4glich die Wetterlage f\u00fcr den Nordpazifik analysiert und geschickt. Das ist super wenn die Post auch ankommt! Die Entscheidungen zur Taktik liegt bei uns.<\/p>\n<p>\u201eHatten Knockdown. Viel ist kaputt gegangen. Alles \u00fcber der Wasserlinie ist zerst\u00f6rt. Alles im Boot ist nass! Liegen nun beigedreht in enormer See.\u201c Die Position unserer Freunde liegt \u00fcber 300 Seemeilen nordwestlich von uns. Diese Nachricht versetzt uns buchst\u00e4blich in Schockzustand. Per Mail fragen wir nach was sie brauchen. Wie k\u00f6nnen wir helfen? In meiner Verzweiflung versuche ich etwas lustiges zu schreiben. Es macht mich fix und fertig nicht handeln zu k\u00f6nnen. Immerhin steht der Mast noch. Auch die Segel blieben unversehrt. Was die beiden im Mail nicht erw\u00e4hnt hatten, erfahren wir erst sp\u00e4ter. Rekka wurde beim Knockdown \u00fcber Bord geschleudert. Sie war vern\u00fcnftigerweise mit einer Lifeline im Cockpit gesichert. Wir streiten uns manchmal zum Thema Sicherheit. Wir beide bewegen uns auch bei fettem Seegang noch akrobatisch an Deck. Oft schon zu selbstsicher. \u00dcber Bord gehen bei Sturm, Dunkelheit oder kaltem Wasser, bedeutet zu 99 Prozent das Todesurteil. Also ist das ganz klar verboten und wird mit lebenslanger Haft bei den Meeresungeheuern bestraft. Oberste Priorit\u00e4t ist sich zu sichern. Daf\u00fcr ist auf der Robusta an Deck vom Bug bis Heck ein flaches Band angebracht. Wer das gesch\u00fctzte Center Cockpit verl\u00e4sst, muss sich zuvor in diese Leinen einhaken. Eine Hand ist immer irgendwo festgekrallt. Wanten sind dazu eher geeignet als die Reling.<\/p>\n<p>ngg_shortcode_2_placeholderRobusta ist ein Stahlkutter. Ein Doppelender, was bedeutet das Heck ist gleich wie der Bug geformt. Mit 38 Fuss L\u00e4nge ist sie eher klein (mit Bugspriet 44 Fuss). Desto kleiner und leichter die Yacht, umso beschwerlicher wird die Reise. Der Langkieler ist mit einer Verdr\u00e4ngung von 14 Tonnen ein fetter Mocken. Sie bewegt sich bei leichtem Wind unter 10 Knoten nicht nennenswert. Der Kutter verh\u00e4lt sich jedoch hervorragend bei schwerer See. Robusta&#8217;s Bewegungen sind tr\u00e4ge, was sich sehr komfortabel anf\u00fchlt. Wir waren jedenfalls beide noch nie seekrank. Das Cockpit liegt nicht wie \u00fcblich hinten sondern weiter vorne, schon fast im Zentrum der Yacht. Das Deckshaus kann bei Bedarf ganz geschlossen werden. Auch beim Segeln. In den hohen Breiten, muss eine Yacht isoliert sein und eine Heizung ist f\u00fcr angenehmes Bordklima essenziell. Bei Regen und Nebel steigt die Feuchtigkeit in einer Yacht schnell mal ins unertr\u00e4gliche. Matratzen und Decken werden schnell mal feucht. Auch die W\u00e4nde und Polster werden von Schimmelsporen befallen. Die Kleider in den Schapps beginnen zu schimmeln.&nbsp; Ein unangenehmer muffiger Geruch sind das Resultat. Alles nicht gerade toll f\u00fcr die Gesundheit.<\/p>\n<p>ngg_shortcode_3_placeholderJedes Gef\u00e4hrt hat allerdings auch Nachteile. Robusta nervt vor allem bei leichtem Wind. Schon kurz nachdem der Kurs Richtung Nordost nach Dutch Harbor anliegt, wird es t\u00e4glich sp\u00fcrbar k\u00e4lter. Z\u00e4h liegt Nebel \u00fcber der See.&nbsp; &nbsp;Segeln in die gew\u00fcnschte Richtung ist nicht m\u00f6glich. Der Seegang beruhigt sich einfach nicht. Zum Beidrehen ist der Wind zu schwach. Schlaf zu finden ist unm\u00f6glich. Die Nerven liegen blank. Es macht uns nichts aus eine Flaute ohne Wellen auszusitzen. Doch mit dieser chaotischen Restwelle ist es kaum auszuhalten. Der Nacken versteift sich beim liegen, obwohl diverse Kissen und Leebretter ein Herumrollen verhindern. Auch der neue Wetterbericht verspricht kein Wind. Erst in drei Tagen zieht das n\u00e4chste Tief heran. Nachts fallen die Temperaturen gegen f\u00fcnf&nbsp; Grad Celsius. W\u00e4hrend einer Flaute bekommt der Kl\u00fcver einen neuen Flicken. Hoffentlich h\u00e4lt dieses Segel noch bis Alaska. In der N\u00e4he der Aleuten Inseln, tauchen immer wieder mal Frachtschiffe am Horizont auf. Auf Fischkutter treffen wir nicht. Die Passage vom Pazifik in die Bering Sea, durch den Samalgapass der Aleuten Inseln, klappt super. Exakt zum richtigen Zeitpunkt schlafft der Wind ab. Das ist ausnahmsweise mal nicht schlecht. Denn an eine Durchfahrt zwischen den Inseln bei Wind gegen Strom, ist gar nicht zu denken. Der Strom von \u00fcber vier Knoten schiebt&nbsp; in die perfekte Richtung. Leider bei dickem Nebel an den als so imposant beschriebenen vier Vulkaninseln vorbei. So bleibt nach 30 Tagen auf See der lang ersehnte Blick auf Land erstmal aus. Der Wettbewerb wer zuerst Land erblickt findet auch nicht statt. Alles erscheint recht unheimlich. Das Radar zeigt keine Schiffe oder andere Hindernisse. In der Hot Spring Cove, einer unbewohnten Insel der Aleuten f\u00e4llt der Anker. Zum Nebel ist jetzt auch noch Regen dazu gekommen.&nbsp; Wir sind so gespannt wie es hier aussieht! Vor dem Landgang wird erst mal ausgiebig und in aller Ruhe, ohne Seegang gefr\u00fchst\u00fcckt. Aus einem kleinen Nickerchen wird ein stundenlanger Tiefschlaf. Egal, hier ist es ja bis Mitternacht noch einigermassen hell. Das Wasser in der Bilge ist auch nicht mehr nachgelaufen. Am Anfang der Reise hatten wir die Schrauben nicht im Motorraum Deckel vom Cockpitboden. Dort haben wir immer den Abwasch gemacht und somit muss Wasser in die Isolation gelaufen sein. Jetzt ist jedenfalls alles gut und trocken. Ufffff.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da war dauernd so ein flaues Gef\u00fchl in der Magengegend. Wirre Gedanken zogen wie schwarze Wolken am Horizont durch meine Seele. \u00d6fter als \u00fcblich, schweift mein Blick \u00fcber die sich immer aufgew\u00fchltere See. Jetzt, einen Monat nach der Ankunft in Alaska, kann ich diese abgr\u00fcndigen Gef\u00fchle einordnen.&nbsp; Es gibt einfachere Reviere. 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