{"id":11565,"date":"2020-07-20T19:59:27","date_gmt":"2020-07-20T19:59:27","guid":{"rendered":"https:\/\/sy-robusta.ch\/?p=11565"},"modified":"2020-12-10T02:28:19","modified_gmt":"2020-12-10T02:28:19","slug":"dutch-harbor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sy-robusta.ch\/?p=11565","title":{"rendered":"Dutch Harbor"},"content":{"rendered":"<p>Wie lange segeln wir jetzt schon? Wie doof bin ich nur, gerade diesen Parkplatz gew\u00e4hlt zu haben? Da kommen wir nie mehr raus! Ich sah diese eine Segelyacht. Wie durch Magnetismus angezogen, quetschte ich die Robusta in den engen Kanal, zwischen Felsen und Steg. Mist. Per Funk ist vom Little Boat Harbor niemand zu erreichen. Es dauert jedoch nicht all zu lange und da taucht ein Mann in Uniform auf. Sein Gesicht ist verh\u00fcllt. Mit einer Maske aus einer bunten Unterhosege gebastelt. Da m\u00fcssen wir erst mal lachen. Zur Zeit ist Einklarieren in Dutch Harbor nicht m\u00f6glich. Die zust\u00e4ndige Person sei gestorben. Das weitere Prozedere ist unklar. Jedenfalls d\u00fcrfen wir ohne Quarant\u00e4ne an Land, da wir f\u00fcnf Wochen auf See verbracht hatten. Und schon sitzen wir, in so einem richtig \u00fcberdimensional grossem Amerikanischem Pick Up Truck vom Hafenmeister. Bald ist auch klar warum. Alles ist echt weit entfernt. Zu Fuss h\u00e4tte der Rundgang Stunden gedauert. Die Duschen sind im zwei Kilometer entfernten neuen Hafen vom South Cannal. Internet ist mega teuer. WIFI Hotspot, 1GB f\u00fcr 25 USD. Im Dorf, welches ebenffalls zwei Kilometer entfernt ist, gibt es in der Bibliothek freies WIFI. Jedoch nur an der kalten frischen Luft, auf vandalensicheren B\u00e4nken aus Stahl. Wegen COVID19 darf das Gel\u00e4nde der Fischfabrik nicht betreten werden. Was soviel bedeutet, dass der Weg zu den Gesch\u00e4ften um ein Vielfaches l\u00e4nger ist. Die Abk\u00fcrzung \u00fcber&#8217;s Fabrikgel\u00e4nde ist mit Wachpersonal gesichert. Diese Massnahmen sollen das Virus aus der Fabrik halten.<\/p>\n<p>Dutch Harbor ist der gr\u00f6sste Fischereihafen in Alaska. In der Glotze habe ich mal vor Jahren, auf D Max M\u00e4nner TV, eine Sendung \u00fcber die h\u00e4rtesten Jobs der Welt, gesehen. Da war eine Reportage \u00fcber die Fischer von Dutch Harbor. Hartgesottene M\u00e4nner, auf kurzen klumsig wirkenden Stahlkuttern (lizenzbedingt), in monstr\u00f6ser eisiger See mit dickem Nebel und Schneegest\u00f6ber, gegen Seekrankheit k\u00e4mpfend. Die M\u00e4nner hievten Fischkadaver in riesigen Netzen an Deck. Damals wusste ich noch nicht, dass ich jemals nach Alaska segeln werde. Die Arbeit in den Fabriken erscheint mir wegen des enormen Gestank auch nicht gerade angenehmer. Vlado, Drago Isabella, Jorge, Vhuan, kommen von Osteuropa, der Ukraine, Philippinen und der Karibik. Ich komme mit ihnen vor der Bibliothek ins Gespr\u00e4ch. Sie sind nicht wegen der bezaubernden Landschaft hier. Pedro teilt freudestahlend und etwas gar \u00fcberdreht mit, er h\u00e4tte in den letzten zwei Tagen 1500 Dollar verdient. Ein Fischkutter musste entlanden werden. Doch dazu fehlte Personal. So hat Pedro tats\u00e4chlich 36 Stunden durchgearbeitet und dabei hunderte schwere Kisten geschleppt. Die ersten acht Stunden zum regul\u00e4ren Lohn. F\u00fcr die n\u00e4chsten acht Ueberstunden zum doppelten Tarif und so weiter. Das ergibt einen durchschittlichen Stundenlohn von 41 Dollar. Sein Traum ist, eines Tages in seiner Heimat, ein eigenes Restaurant zu besitzen. Daf\u00fcr lohne es sich eine Zeit lang hart zu arbeiten. Mirelisa kippt in der Bar beinahe vom Hocker. Nein sie ist nicht betrunken. Sie arbeitet seit neun Monaten 12 Stunden pro Tag. Das an sieben Tagen pro Woche! Sie will ihren Kindern in Rum\u00e4nien ein besseres Leben erm\u00f6glichen. Es ist schon krass. So viele Fragen kommen auf. Wieso haben sich Menschen in so einer unwirtlichen Gegend \u00fcberhaupt angesiedelt? Wir wollen mehr dazu erfahren. Ein Besuch im Museum ist wegen covid19 nur mit Voranmeldung m\u00f6glich.<\/p>\n<p>ngg_shortcode_0_placeholderDoch erst k\u00fcmmern wir uns um die anstehenden Reparaturen. Die Windsteueranlage Pacific Plus ben\u00f6tigt zwei neue Lager. Das Klo verlangt schon wieder nach Zuwendung. Dies obwohl s\u00e4mtliche Dichtungen noch vor der \u00dcberfahrt von Thomas ausgewechselt wurden. Ich denke, es ist wieder mal an der Zeit, alle Schl\u00e4uche auszubauen und zu reinigen. Durch die Kombination von Harnstein und Salzwasser, lagert sich eine beige weiche Schicht ab, die zum Totalverschluss der Leitungen f\u00fchren kann. Nicht gerade der Spassjob. Am Kochherd ist die kardanische Aufh\u00e4ngung auf der Fahrt von Japan nach Alaska abgebrochen. Gasflaschen auff\u00fcllen ist hier endlich wieder m\u00f6glich. Und jetzt ist noch ein fetter Adler auf dem Windanzeiger auf der Mastspitze gelandet und hat diesen dabei zerst\u00f6rt. W\u00e4sche waschen ist nur im Hotel m\u00f6glich. 25 Dollar f\u00fcr eine Maschine! So wasche ich halt wieder mal, wie zu Omas Zeiten von Hand mit eisig kaltem Wasser. Doch in dieser Nebelsuppe trocknet die W\u00e4sche \u00fcberhaupt nicht. Sie mufft durch die Abgase der Fabrik nach Fisch. Jemand hat Erbarmen und l\u00e4sst uns bei sich zu Hause s\u00e4mtliche W\u00e4sche waschen und trocknen. Schon seit langem freuen wir uns auf einen Besuch in einem Restaurant. Auf ein zartes St\u00fcck Fleisch, mit leckerer Gem\u00fcsebeilage. Doch die Fischer schenken uns jeden Tag einen Lachs. Immer wieder schaut mal jemand bei der Robusta vorbei. Wir freuen uns \u00fcber diese Besuche. Meistens sind es Fischer die weit weg von der Heimat, mit ihren kleinen Kuttern die Saison verbringen. Sie geben uns die wertvollsten Tipps zu den sch\u00f6nsten Ankerpl\u00e4tzen und bringen uns bei, welche Angelhaken und K\u00f6der f\u00fcr diese Gew\u00e4sser zum Erfolg f\u00fchren. Und tats\u00e4chlich, der nackte Koder badet keine zwei Minuten im Wasser. Schon zappelt, die zu Hause als Lachs bekannte Delikatesse, ein King Salmon, an der Angel! Die Fischer wissen auch welche Beeren wir essen k\u00f6nnen. Telefonnummern und Adressen von Verwandten und Bekannten, die wir auf unserer Reise durch Alaska kontaktieren sollen, werden ebenfalls ausgeh\u00e4ndigt. Ein echt herzlicher Empfang!<\/p>\n<p>Rums und schon ist eine Woche rum.<\/p>\n<p>Heute Nachmittag ist die Amerikanische Segelyacht Caro Babbo eingelaufen. Mit ihnen haben wir auf der \u00dcberfahrt von Japan schon fleissig per Mail kommuniziert. Jetzt sehen wir uns zum ersten mal und die beiden sind uns auf Anhieb sympatisch.<\/p>\n<p>Der Unterhosenmann hat neue Informationen wegen dem Einklarieren. Er \u00fcbergibt eine Telefonnummer. Die Beamtin von der CBD Custums &amp; Border Protection vom Flughafen in Anchorage, nimmt einige Daten telefonische entgegen. Gleich darauf meldet sich der BDP Officer aus Nome per email. Der Status \u201eDeferred Inspection\u201c ist ausgesprochen, was soviel bedeutet, dass wir weiter ziehen d\u00fcrfen. Sind jedoch verpflichtet zu melden wenn wir in einen Hafen einlaufen, und im n\u00e4chsten Port of Entry muss ordentlich einklariert werden. Doch all diese H\u00e4fen liegen tausende von Seemeilen weiter im Osten. Hoffen das wird im sonst so strengen Land klappen.<\/p>\n<p>ngg_shortcode_1_placeholderNach einem netten Grillabend mit paar Leuten, wie kann es anders sein als mit Lachs, sinken wir alle zufrieden in die warmen Kojen. Es ist schon echt sau kalt hier. Es ist Hochsommer. Die Einheimischen latschen mit kurzen Hosen und T-Shirts rum, w\u00e4hrend wir Weicheier in voller Skimontur eingeh\u00fcllt sind.<\/p>\n<p>Energisch poltert jemand an die Robusta. Was ist denn das f\u00fcr ein Depp der da mitten in der Nacht nervt? Es ist Jack, der Mann vom kleinen Fischkutter, mit dem wir den Abend verbracht haben. Er weckt alle am Steg. Was soll der Stress? Autos werden gestartet und fahren irgendwo hin. Aus der Fischfabrik eilt eine ganze Karawane von Menschen an die frische Luft. Wir ziehen warme Kleider an und verschliessen die Robusta mit dem Steckschott. Der ganze Tumult ist durch eine Tsunami Warnung ausgel\u00f6st. Bitterer Ernst. Erinnerungen an Fukushima und Banda Ace und Thailand werden wach. Unter Schock klettern wir auf den mickrigen H\u00fcgel gleich hinter dem Hafen. Von dort glotzen wir nun ungl\u00e4ubig auf den Hafen ob sich das Wasser in irgendceiner Weise bewegt. Hinter uns st\u00fcrzt ein Adler, der K\u00f6nig der L\u00fcfte, ungeschickt ins Gestr\u00fcpp. Das ist nun aber eindeutig ein schlechtes Zeichen! In 12 Minuten wird die erste Welle in Dutch Harbor eintreffen. Ein Erdbeben der St\u00e4rke 7.8 Magnitude ist der Ausl\u00f6ser. Ist das nun das Ende der Reise? Wie es damals in Fukushima die Segelyacht Freydis versemmelt hat? Es ist erstaunlich wie gelassen und diszipliniert sich alle verhalten. Im Fernsehen w\u00e4re doch Rempelei und panisches Geschrei zu sehen. Auch wir bleiben ruhig. Diskutieren fast schon sachlich, was wohl mit dem Schwimmsteg geschieht, wenn sich das Wasser erst zur\u00fcckzieht und dann die Welle mit voller Wucht eintrifft. Ich wage nicht an einen endg\u00fcltigen Abschiedskuss zu denken. Tue so, als w\u00e4re alles normal. Eine Stunde sp\u00e4ter kommt die Entwarnung per SMS. Dutch Harbor wurde 1964 von einem Tsunami komplett zerst\u00f6rt. Wie durch ein Wunder, ist dabei niemand ums Leben gekommen. Und schon wieder klopft es an der Robusta. Diesmal ist es der Hafenmeister der besorgt ist, ob alle wieder heil vom n\u00e4chtlichen Ausflug zur\u00fcck gekommen sind.<\/p>\n<p>So uns juckt es endg\u00fcltig von hier weg zu kommen. Jeniffer kommt mit dem neuen Wetterbericht. Morgen k\u00f6nnten wir los! Bei starkem Kaffee studieren wir intensiv die Route. Die Passagen von der Bering Sea in den Pazifik sind echt nicht einfach. Starke Str\u00f6mungen mit Wind dagegen, f\u00fchren zu gef\u00e4hrlichen hohen sogenannten Tide Rips. Im Akutan Pass wurden schon Wellen von 15 Meter H\u00f6he dokumentiert.<\/p>\n<p>Morgen um sechs Uhr in der Fr\u00fch geht\u2019s los zum Unalga Pass! Wird sich zeigen, ob wir richtig gerechnet und geplant haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie lange segeln wir jetzt schon? Wie doof bin ich nur, gerade diesen Parkplatz gew\u00e4hlt zu haben? Da kommen wir nie mehr raus! Ich sah diese eine Segelyacht. Wie durch Magnetismus angezogen, quetschte ich die Robusta in den engen Kanal, zwischen Felsen und Steg. Mist. Per Funk ist vom Little Boat Harbor niemand zu erreichen. 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