{"id":12467,"date":"2021-09-25T22:00:11","date_gmt":"2021-09-25T22:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/sy-robusta.ch\/?p=12467"},"modified":"2022-02-20T07:31:44","modified_gmt":"2022-02-20T07:31:44","slug":"uberfahrt-von-seattle-zum-goldenen-tor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sy-robusta.ch\/?p=12467","title":{"rendered":"\u00dcberfahrt von Seattle zum Goldenen Tor"},"content":{"rendered":"<p>Den letzten Abend in Port Townsend verbringen wir mit unseren Seglerfreunden Jennifer und John, die nun endlich von Alaska wieder nach Hause gekommen sind. John springt nerv\u00f6s vom Sofa. Er hat soeben eine Anfrage von einem Bekannten aus Kanada erhalten, ob er nach San Franzisco segeln wolle. Na perfekt. So sind wir nun zwei Yachten mit dem selben Ziel. Drew wird die n\u00e4chsten Tage in die USA einreisen. Die Grenze ist f\u00fcr den Freizeitverkehr noch immer zu. Wir sind zuversichtlich. Er wird, wie von uns empfohlen, einen Bogen um Friday Harbor segeln und in Port Angeles einklarieren. Ich denke bei uns allen hat es geklappt, weil wir nach Mexiko wollten und somit die Reise unter Transit l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Paar Tage sp\u00e4ter tut sich das lang ersehnte Wetterfenster auf. Ich sch\u00e4tze es, die bevorstehende Herausforderung mit zwei erfahrenen, ortskundigen Segler zu planen. Sie leihen uns einen tollen Segelf\u00fchrer aus. Charlies Charts, US Pacific Coast. Den werde ich ihnen von San Diego wieder zur\u00fcck schicken. Weiter nutzen wir den US Coast Pilot Nummer 7 und 10.<\/p>\n<p>Diese K\u00fcste ist schon so manchem Seefahrer zum Verh\u00e4ngnis geworden. Die starken Str\u00f6mungen machen diese K\u00fcste so gef\u00e4hrlich. Auf Grund der gegenl\u00e4ufigen Hauptstr\u00f6mungen mischt sich kaltes Oberfl\u00e4chenwasser aus Nord mit dem warmen Wasser aus S\u00fcd, was die See gut aufmischt. Zusammen mit dem Wind herrschen oft Wind gegen Strom Verh\u00e4ltnisse was zus\u00e4tzlich eine steile hackige See verursacht. Vor den H\u00e4fen liegen Sandbarren die nur in ruhigen Bedingungen oder allenfalls nur mit Hilfe der K\u00fcstenwache angefahren werden d\u00fcrfen. Diese vermeintlich sicheren Orte werden schnell mal aus Sicherheitsgr\u00fcnden von der Coast Gard geschlossen.. Crescent City ist der einzige Hafen der immer offen ist. Cape Mendosino ist ein weiterer Knackpunkt auf dieser Strecke. Dort pustet es auch immer kr\u00e4ftig. Die beste Zeit um dieser K\u00fcste entlang zu segeln ist Sommer bis Mitte September. Ab Herbst ziehen die aus West \u00fcber den Pazifik reinlaufenden Tiefs immer s\u00fcdlicher durch und bringen starken S\u00fcdwind.<\/p>\n<p>ngg_shortcode_0_placeholderR\u00fcckblickend sind wir zu sp\u00e4t los. Wir beide haben schon so manche Seemeilen unterm Kiel, doch diese \u00dcberfahrt geht in die Kategorie schlimm \u2013 jedenfalls f\u00fcr mich! Unsere Freunde wollten uns folgen. Doch der Nordwind hat sich wohl bis n\u00e4chsten Sommer verabschiedet. Schade.<\/p>\n<p>Letzter Sicherheitscheck steht an: Das Gef\u00e4hrt muss in bestem Zustand sein! Motor wird eingehend unter die Lupe genommen, Rigg kontrollieren, dabei muss jemand auf den Mast klettern, um alle Wanten nach fehlenden Splinten oder anderen Sch\u00e4den zu \u00fcberpr\u00fcfen. Vor allem den Splinten traue ich nicht mehr, obwohl sie l\u00e4ngst allesamt ausgetauscht sind. Die vom AWN in Neuseeland sind absolute Schundware! Gummis der Luken habe ich letzte Woche schon in Silikon eingeweicht damit alle Fenster bestimmt dicht sind. Schwerwetterklamotten, Schwimmwesten mit Sicherheitsleinen und warme Pullis sind einsatzbereit. Wasser und Diesel sind getankt, Proviant und alles was rumfliegen oder klappern kann ist ordentlich verstaut.<\/p>\n<p>Alles scheint perfekt.<\/p>\n<p>Geplant ist, die rund 700 Seemeilen ohne Zwischenhalt bis nach San Francisco durchzusegeln. Stecken einen Kurs von mindestens 60 Seemeilen von der K\u00fcste entfernt ab, um so dem Frachtverkehr und den lokalen Krabbenfischern auszuweichen. Der Nachteil, weiter draussen ist die See unruhiger.<\/p>\n<p>In der Straight of Juan de Fuca, der Meerenge zwischen Kanada und den USA, fegen heftige B\u00f6en von den Bergh\u00e4ngen herunter. In der Naeh Bay, einer kleinen \u201eFirst Nation Siedlung\u201c, die wegen Covid19 gegen aussen abgeschottet ist, verbringen wir die Letzte Nacht vor dem Absprung ohne Landgang. Eine unruhige Nacht. Der Ankergrund ist mies und die heftigen B\u00f6en bringen die Robusta ins Rutschen. Nach dem dritten Umankern ist dann gut.<\/p>\n<p>ngg_shortcode_1_placeholderDrew und John wecken uns als sie bei Sonnenaufgang aufbrechen. Wir warten noch zwei Stunden bis sich der S\u00fcdwind doch noch etwas beruhig und die See nicht mehr \u00fcber die Mole kracht. Der erste Schlag ist hart. Mit Sturmfock und Grosssegel im dritten Reff, stampft die Robusta flott in die vom vorangegangenen Sturm aufgew\u00fchlte See. Beim Cape Flattery, spritzt die Brandung eindr\u00fccklich den Felsen empor. Doch der Spass h\u00e4lt nicht wie gedacht an. Statt wie im Wetterbericht prognostiziert sollte der Wind am Nachmittag langsam \u00fcber Ost nach Nord drehen. Der bilderbuchm\u00e4ssige Drall bleibt aus. Zwei qualvolle Tage ohne Wind folgen. Mit Drew und John stehen wir per Funk im Kontakt. Sie motoren. Ihre Position liegt&nbsp; etwa 100 Seemeilen weiter s\u00fcdlich. Zur Belohnung erwischen sie den Nordwind fr\u00fcher. Drei Tage um die 30 Knoten. Die beiden leiden. Inklusive Kotzen. Unter Motor bei diesen Bedingungen Diesel verbraten, ist uns zu anstrengend. Das Schiff schaukelt extrem. Ohne Segel erst recht. Trotzdem sind wir beide nicht Seekrank. Haben wir noch nie erlebt. Mussten auch noch nie Medikamente einnehmen! Der Hunger w\u00e4re da, aber alles ist zu anstrengend. So stopfen wir halt je eine Schachtel Kekse liegend in uns hinein. Ich bekomme starke Kopfschmerzen. Das wohl weil mein untrainierter Nacken sich durch das Rollen komplett versteift hat. Ich bin kaputt. Geschlissen. Thomas \u00fcbernimmt alles. Sogar die F\u00fctterung des Monsters. Ich sch\u00e4me mich.<\/p>\n<p>Unter Segel ist alles wieder angenehmer. Doch im folgendem Wetterbericht poppt da ein Tief direkt vor uns auf. Ein kleiner Keil mit Lila Auge. Lila &#8211; eine Farbe auf der Wetterkarte, die kein Segler mag. Ausweichen geht nicht mehr. Jetzt aber Schotten dicht! Schwimmwesten mit Sicherheitsleinen anlegen. Reff ins Gross binden, Kl\u00fcver weg. Sturmfock steht schon. Innen nochmals kontrollieren, ob alles gesichert ist. Seeventile zu, L\u00fcfter schliessen! Es ist kalt. 10 Grad. Das Wasser etwa gleich. \u00dcber Bord gehen ist verboten! So unser Motto. Die Windsteueranlage arbeitet grossartig. Es ist so dunkel wie in einem Kuhmagen. Der Regen, der so dringend an Land erwartet wird, prasselt wie ein Wasserfall in die See. In der Robusta ist es laut wie wenn jemand eine Toilette sp\u00fclt. Thomas hat es sich mit seiner Matratze so halbwegs am Boden bequem gemacht. Mich hats gerade aus der Koje quer durchs Schiff geschmissen. Paar Beulen &#8211; sonst nichts. Hat die Kopfscherzen jedoch nicht gerade gelindert. Ich muss aufs Klo. Akrobatik pur ist angesagt. Mit einer Hand sich von der Wand wegstemmend die Hosen runter kurbeln &#8211; auf den Thron klettern &#8211; sp\u00e4ter wieder Hosen rauf und am besten vorher noch die nun gef\u00e4hrlich schwappende gelbe Suppe abpumpen. Es wird zu heftig. Beidrehen. Das Man\u00f6ver gelingt nicht auf Anhieb. Die anrollenden Wellen dr\u00fccken den Bug wieder auf die andere Seite. Doch nun liegt die Robusta f\u00fcr die Verh\u00e4ltnisse relativ ruhig und stabil, mit etwa vier Knoten driftend in der See. Die Wanten singen und fl\u00f6ssen mir dabei ungute Gef\u00fchle ein. Die Robusta neigt sich so weit zur Seite, dass Wasser ins Cockpit str\u00f6mt. Thomas br\u00fcllt das Gross muss weg! Deckslicht an, ich leuchte Zus\u00e4tzlich mit der Taschenlampe. Die Sicherheitsleine ist verheddert. Dann sehe ich Thomas nicht mehr. Habe ihn doch nur f\u00fcr einen kleinen Augenblick aus den Augen gelassen um einen Blick auf die Windanzeige zu werfen. Nun kommt die Filmrolle aber ins spulen. Die Mann \u00fcber Bord Taste zu dr\u00fccken, ist mir so spontan nicht in den Sinn gekommen. Ich war wie paralysiert. Aus den abscheulichen Gedankennebel poppe ich raus, als durch das Getose der Befehl Reffleinen dicht, schwach erkennbar durchdring. Zwei Minuten, nicht mehr, aber so viele Gedanken schossen durch meine Gehirnwindungen und l\u00f6sten dabei einen Heulkrampf aus \u2013 aber erst als alles wieder unter Kontrolle war. Das ist das erste mal wo ich mich so derart mies gef\u00fchlt habe. Nicht seekrank. Oder vielleicht doch? Nach einigen Stunden, so mit nun nur noch 30 Knoten Wind, beruhige auch ich mich wieder und mache mich ans Aufr\u00e4umen. Thomas hat jetzt eine Pause verdient. Im Sp\u00fclbecken stapelt sich das Geschirr der letzten Tage. In der Bilge schwappt eine braune Br\u00fche. Herkunft noch unklar. Die Farbe erinnert an nichts sch\u00f6nes. Im Klo herrscht Chaos pur. Die Schapps sind sozusagen leer. Der Inhalt des M\u00fclleimers, haupts\u00e4chlich aus Klopapier bestehend, liegt vermischt mit Zahnb\u00fcrsten, Shampoo, Creme, T\u00fccher und Waschlappen und Jacken am Boden. Immerhin trocken. Oelzeug und haufenweise nasse Klamotten liegen verstreut rum. Polster sind auch Nass. In der einen Decke klebt noch ein angeknabbertes Nutellabrot. Das Leintuch weist durch den ausgesch\u00fctteten Kaffee eine neue Musterung auf.<\/p>\nngg_shortcode_2_placeholder\n<p>Der n\u00e4chste Wetterbericht passt echt wieder \u00fcberhaupt nicht ins Konzept. Wind von S\u00fcd direkt auf die Nase! Der Beschluss f\u00e4llt schnell. Crescent City liegt 60 Seemeilen querab. Die K\u00fcste ist zwar mit vorgelagerten Felsen gespickt, die Hafeneinfahrt ist jedoch gut anzulaufen. So stets jedenfalls im F\u00fchrer beschrieben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den letzten Abend in Port Townsend verbringen wir mit unseren Seglerfreunden Jennifer und John, die nun endlich von Alaska wieder nach Hause gekommen sind. John springt nerv\u00f6s vom Sofa. Er hat soeben eine Anfrage von einem Bekannten aus Kanada erhalten, ob er nach San Franzisco segeln wolle. Na perfekt. 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