August 9 2021

Transit durch Kanada

Auf der Seekarte sieht alles extrem spannend aus. Hunderte Inseln und Kanäle kreieren zusammen mit den mehr oder weniger fetten braunen Strömungspfeilen, welche in unterschiedlichste Richtungen zeigen, ein echtes Kunstwerk. Doch momentan ist die Landschaft nur mit viel Fantasie durch fette Nebelschwaden zu erahnen. Von der extremen Hitzewelle in Kanada spüren wir  rein gar nichts. Jetzt regnet es auch noch. Egal. Spielt ja unter Quarantäne keine Rolle. Dürfen eh nicht vom Boot oder auch keinen Besuch empfangen. Quarantäne ist wie eine lange Ozeanpassage, nur noch etwas spannender und anspruchsvoller. Jede einzelne Seemeile muss sorgfältig geplant werden. Segeln in Kanälen bedeutet Gezeitenströmungen nützen und viele Male wenden und halsen – das alles in bezaubernd wilder Natur. 

Am ersten Ankerplatz poltert es energisch am Boot. Was ist denn jetzt los? Küstenwache? Schon jetzt? Haben doch noch gar nichts verbrochen! Sind wir nun unter voller Kontrolle? Ich werde paranoid. Erschreckt hechten wir in einem Satz aus den Kojen ins Cockpit. Das kann doch jetzt wirklich fast nicht möglich sein! Dazu muss ich erstmal ein wenig ausholen. Vor einigen Monaten, berichtete eine Kollegin aus Deutschland, sie kenne Segler die zur Zeit in Kanada sind. Ist mir exakt vor wenigen Minuten in den Sinn gekommen und so schrieb ich ihnen eine Mail. Nun dürfte es nicht mehr schwer  zu erraten sein, wer da grinsend aus einem Dinghi glotzt. Was für ein Zufall! Kanada ist ja wirklich nicht klein. Die beiden wollen, oder präziser ausgedrückt, müssen in wenigen Wochen aus Kanada ausreisen und sind somit ebenfalls in Richtung Süden unterwegs. Was für ein Mist. Ihre Situation ist ähnlich. Ich platze fast vor Aufregung. Bin total neugierig was für einen Covid19 – Schlachtplan sie ausgearbeitet haben. Später lernen wir noch Segler aus Holland kennen. Die müssen auch bald aus Kanada raus. Ich liebe auf einmal den Nebel. Wir fühlen uns wie kleine Kinder, die heimlich unter der Bettdecke Schoggi verschlingen.

Für den Transit durch Kanada hat Thomas in Alaska eine neue Prepaid SIM Karte gekauft. Diesmal  von AT&T. Geht auch für Kanada und Mexiko. Doch das blöde Teil funktionierte nach einem Tag bereits nicht mehr. Auf einer langen Passage über den Ozean ist klar, da ist kein Empfang. In der Wildnis geht logischerweise auch kein Handy. Aber selbst in Shearewater ging nix. Ankern gleich hinter dem riesigen Trümmerhaufen aus Stahl, Beton und Armierungseisen, in denen sich Baumstämme verfangen haben. Der ganze Schrotthaufen ist nicht in der Seekarte vermerkt! Ganz schwach bekommt Thomas eine Verbindung zu einem offenem Wifi. So wende ich mich per Chat an AT&T. Stunden später kam zur Antwort, bitte der Hotline anrufen. Wie denn wenn das Telefon nicht geht?

In ein paar Tagen könnte sich etwas an der Grenze ändern. Wie kommen wir an diese Infos? Das ist nun wirklich doof. Vor allem müssten wir uns täglich melden. Die elektronische Krankenschwester, oder die Schwester unter Strom oder wie auch immer, vom Arrive Canada App, erwartet täglich Auskunft, ob Covid19 schon ausgebrochen ist. Hoffentlich verpetzt die Stromschrulle uns nicht, wenn keine Antwort kommt. Jetzt wäre ich zum ersten Mal gerne stolze Besitzerin eines Satellitentelefon.

Am Tag 6 kam die Aufforderung  für einen Covid19 Test. Tag 7, erste Mahnung, Tag 8 zweite Mahnung, Tag 9 Bussandrohung in schwindelerregender Höhe von bis einer Million Kanadischen Dollar. Doch diese Nachrichten konnten wir erst Wochen später abrufen, nämlich als das Telefon plötzlich wieder funktionierte. Alles ohne böse Folgen. Für den Transit wird weder Test noch Impfung verlangt. 

Dringt die Sonne durch den Nebel, erscheint die Landschaft in einem ganz besonderen Licht. Rosa, Orange, Blau, ja das ganze Spektrum ist vertreten. Es ist ein Jammer so schnell vorbeiziehen zu müssen. Ich liebe den Nebel.

Von wegen die Hoffnung stirbt zuletzt; Zum Erstaunen vieler, bleibt die US-amerikanische Grenze zu. Kanada öffnet hingegen für voll geimpfte US-Bürger. Für uns, wo wir nun schon über drei Wochen unter Quarantäne sind, ändert sich nichts. Denken wir an unsere Familien und Freunde zu Hause, fühlen wir uns hingegen echt gut. Covid19 ist bei Telefongesprächen zum absoluten Reizwort mutiert. Mit den einen diskutiere ich schon gar nicht mehr darüber. Das Thema ist zu explosiv und manche Haltungen kann ich nicht nachvollziehen. Ich bin auch nicht zu Hause im Alltag.

Auf halbem Weg der Passage, baut sich  das perfekte Wetterfenster auf. Statt unter Motor durch die Kanäle zu tuckern, segeln wir an Vancouver Island auf dem Pazifik aussen rum. Nicht zu wissen, was an der geschlossenen US-Grenze geschehen wird, belastet unser Gemüt. 

 

 

 

 

 

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July 14 2021

Lassen uns die Kanadier rein???

Morgens um vier trinkt Thomas starken Kaffee und tuckert mit der  Robusta mit dem Ebbstrom aus der idyllischen Ankerbucht. Wir sind beide super nervös. Die Anspannung entlädt sich kurz vor der Grenze in einem heftigen Zank. Den Zunder dazu liefert die Flüssigkeit für Thomas E-Zigaretten. Die ist gelb und stinkt wie Pisse! Das kann doch nicht sein!

Nach zwölf Stunden Fahrt unter MOTOR, finden wir in Prince Rupert den Steg der Cow Bay Marina nicht. Wir wären pünktlich gewesen. Doch die Seekarten sind so mies und die Position, die ich vom Zoll bekommen habe, stimmt nicht! Ich muss anrufen. Als erstes werde ich mit diversen Fragen bombardiert. Unter anderem wie lange der Transit dauern soll. Spontan setze ich bei vier Wochen an, was am anderen Ende der Leitung ein deutlich hörbares Raunen auslöst.

Robusta tanzt nun wild am Steg von Prince Rupert. Der Schwell ist beachtlich. Die Flut drückt das Boot gegen den Steg. Sämtliche Fender kommen zum Einsatz, sogar die fette Berta. Müsste auch wieder mal aufgepumpt werden. Da kommen wir unmöglich wieder weg bevor die Ebbe einsetzt! Mit Maske, Handschuhen, grosser Tasche und Pistole bewaffnet, erscheinen nun zwei Zöllner. Wir tragen auch Masken, aber keine Handschuhe und sind zudem auch nicht bewaffnet. Das “Arrive Canada App” ist  bereits auf’s Handy geladen und ausgefüllt. Müssen trotzdem nochmals die selben Fragen beantworten. Nun zum dritten mal. Einklarieren geht nicht. Die Grenze ist zu. In Alaska dürfen wir auch nicht mehr bleiben. Und jetzt? So bleibt nur noch die Möglichkeit eine Bewilligung für den Transit durch die kanadischen Gewässer zu bekommen. Es führt nun mal kein anderer Weg nach Hause. Doch die vier Wochen Dauer, lösen schon fast den dritten Weltkrieg aus. Sturheit ist meine Spezialität. An Argumenten fehlt es nicht. Nachts segeln ist wegen der Baumstämme zu gefährlich – die nächste Woche ist Südwind angesagt – Robusta ist keine Rennyacht….. Nun läuft die Beamtin im Gesicht grünlich an. Sie ist seekrank geworden und will die Prozedur schnell abschliessen. Sie fragt noch nach, ob wir genügend Lebensmittel, Wasser und Diesel hätten. Nun händigt sie die Transitnummer in Form von einem gelben Papierschild aus, welches sichtbar am Fenster angebracht werden muss. Die gelbe Quarantäneflagge flattert bereits am Mast. Zum Abschluss legen die beiden uns freundlich nahe, auf jeden Fall nichts gefährliches zu tun. Den obligatorischen Transitplan, über den ich mir den Kopf zerbrochen habe, wie ich ihn möglichst knapp und offen formuliere, vergessen sie im Cockpit. Cool, in dem Fall sind wir jetzt frei? Nicht ganz. Ab sofort gilt für die nächsten zwei Wochen Quarantäne auf der Robusta. Kein Fuss darf an Land gesetzt werden.  Zudem gilt möglichst nicht in der Nähe von Siedlungen ankern. Und nach den zwei Wochen Quarantäne? Auch nicht! Hä? 

In fünf Tagen entscheiden die beiden Präsidenten Trudeau und Biden – wie jeden Monat seit 15 Monaten – über die Massnahmen an der Grenze.

Die Hoffnung stirbt zuletzt ;-)) Sind jedenfalls erleichtert, dass der Transit genehmigt ist und freuen uns erstmal über den leuchtend gelben Passierschein.