September 10 2021

The American Dream

Unter Segel sausen wir ins Ankerfeld vor Port Townsend. Tom und Tatj sind da! Das muss gefeiert werden. Obwohl Covid19 nach wie vor das Weltgeschehen beherrscht, und wie auch anderswo die Grenzen zu sind, gelang es ihnen ebenfalls von Kanada in die USA einzureisen. Es mag dich lieber Leser irritieren, dass es Leute gibt, die sich nicht an Bestimmungen halten. Uns ist bewusst, es ist nicht die richtige Zeit zum Reisen. Doch die Pandemie hat uns am anderen Ende des Globus erwischt. Zehntausende Seemeilen von zu Hause entfernt. Ein Traum, mit jahrelanger intensiver Vorbereitungszeit, die Welt mit einem kleinen Segelkahn, ohne jeglichen Luxus zu umrunden, ist zur Zeit echt erschwert. Nur wenige Regierungen haben die Aufenthaltsgenehmigungen der steckengebliebenen Segler auf Grund der Pandemie automatisch verlängert – nicht so die USA. Glaub mir, wir tun alles um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. So bitte hab Verständnis für den Versuch Regeln zu umgehen. Für einen Neuanfang in der Heimat, Job finden, Wohnung suchen und so weiter, ist ebenfalls nicht der Ideale Zeitpunkt.

Themawechsel:

Die hübsche Kleinstadt ist von einem Fisch-Dosen-Futter-Fabrikanten-Ort zu einem beliebten Touristenziel mutiert. Flanierzone und Strassenkneipen, schöne Geschäfte, Museen und die viele gut erhaltene alte Viktorianische Häuser. Wir stromern Stunden rum und sammeln dabei Beeren und mehr. In einigen Gärten oder an Obstbäumen sind Schilder angebracht, die einladen sich zu bedienen. Fast in jeder Strasse steht ein hübsch gestalteter kleiner Kasten in dem Anwohner bereits gelesene Bücher für die Nachbarn zur Verfügung stellen.

Jenifer und John wohnen hier. Wir kennen sie vom Segeln in Alaska. Doch sie kommen erst ende Monat nach Hause. Sie verraten uns jedoch wie wir in ihr Haus kommen. Das Auto stehe auch zur Verfügung. Legt euch einfach in unser Bett und fühlt euch wohl. Unglaublich lieb und unkompliziert! Wir waschen dort unsere Wäsche und weichen uns in der Badewanne ein. Wohnen aber weiterhin auf der Robusta. Wollen sie nicht unbeaufsichtigt am Ankerplatz lassen.  Revanchieren können wir uns nicht. Es sei alles organisiert. Thomas kehrt das Laub im Garten zusammen. 

Ein Ausflug in die Grossstadt Seattle steht als nächstes auf dem Plan. Ankern geht dort nicht. Doch gegenüber von Seattle, in der Bucht von Bainbridge, ist das möglich. (Sehr eng und voller Ankerbojen. Uns ist jedenfalls eine Leine in den Propeller geraten.) Doch der Ort ist perfekt um mit der Fähre mitten ins Zentrum von Seattle zu gelangen.

Schlendern durch die Schluchten von Hochhäusern mit ihren auf Hochglanz polierten Glasfassaden. Moderne Architektur vom Feinsten. Alles extrem eindrücklich! Sowas ist für uns Schweizer ein ganz besonderes Erlebnis. Doch die Stadt ist nahezu Menschenleer. Viele Schaufenster sind mit Bretter verrammelt. Davor stehen riesige, muskulöse, breitschultrige, bewaffnete Männer in Uniform. In der Apotheke werde ich von einem Polizisten bedient. Mitten in der Stadt pennen auffallend viele verwahrloste Menschen. Etwas Schutz suchend vor Hauseingängen oder auf einer Bank. Teilweise sind ganze Strassen mit Zelten oder provisorischen Schlafstätten geziert. Traurige Menschen sitzen sprachlos mit Kartonschilder auf den Knien da und betteln um Geld oder Essbarem. Extrem fallen mir die vielen psychisch angeschlagenen Menschen auf. Entweder wird laut gestikuliert, gestritten und sie sind arg verwahrlost und offensichtlich von irgend einer oder mehreren illegalen Substanzen zugedröhnt. Ich als gestandene Sozialarbeiterin, wechsle sogar die Strassenseite oder nehme einen Umweg in Kauf.

Eine Betroffene vermittelt mir ein grobes Bild der Situation. Ich kam mit ihr in einer öffentlichen Toilette ins Gespräch wo sie sich gerade etwas frisch machte. Ihren Job hat sie noch. Doch wegen der Pandemie wurde ihr Pensum gekürzt. So konnte sie die Miete nicht mehr bezahlen und lebt nun in ihrem Auto. Ihre kleine Tochter ist bei einer Pflegefamilie untergebracht.  So vom Staat verordnet, bis sie ihre Lebenssituation verbessert hat! Durch diverse Medien war ich schon etwas vorbereitet. Doch aus nächster Nähe vor Ort das Elend und eben die frappanten sozialen Unterschiede zu sehen, ist nochmal eine andere Nummer. Ich hätte alles vor ein paar Monaten sehen sollen. Da standen Zelte und provisorische Behausungen auf jedem grünen Flecken der Stadt. 

Und wo sind diese Menschen jetzt? Wie ist alles soweit gekommen?

Sind ganz erschlagen von all den intensiven Eindrücken der Grossstadt. 

Vor etwa drei Jahrzehnten lebte ich für ein paar Jahre in Kalifornien. Meine ersten Eindrücke – so viele Jahre später, stimmen mich sehr nachdenklich. 

So viel zum American Dream! 


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Posted September 10, 2021 by robusta in category "USA

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