Robusta wieder startklar
Santa Juhu liegt rekonvaleszent, mit fett entzündeter Narbe an der Schwanzflosse, liebevoll eingebettet in der Achterkabiene. Ein trauriger Anblick! Die normalerweise das Schiff beschützende Galionsfigur ist beim Sturz der Robusta vom Kran demoliert und grauslig wieder geflickt worden. Was hat sowas nur zu bedeuten? Was wollen uns die Götter der Seefahrt damit andeuten? Muss die Reise in die abgelegenste Gegend der Welt, Patagonien, neu überdenkt werden? Aberglaube, der die Menschen beschützt oder sie in ihrer Abenteuerlust einengt?
Er freut sich – ich mich nicht so recht. Von Lençois und den lieben Menschen dort, mitten im Nationalpark gelegen, mit atemberaubender Natur, verabschiede ich mich nur ungern. Besonders Christiane ist mir ans Herz gewachsen. Brasilien von einer komplett anderen Seite kennen zu lernen hat mir gut getan. Hat Wunden geheilt. Die Armut und das ganze Elend der Großstadt, das Unrecht zwischen dem enormen Gefälle von Arm und Reich. Die Oberschicht besitzt im Schnitt 29 mal mehr als die Mittelschicht. Ein weltweiter trauriger Rekord. Der Reiche ist weiß, der schwarze Reiche ist auch weiß. Eine wirklich treffende Aussage aus dem Buch “Kulturschock Brasilien” vom Reise-Know-How Verlag.
Daniel ist unglaublich nervös. Hastet unruhig hin und her, stellt noch einen Gegenstand neben seinen seit Tagen, nein schon seit Wochen bereitgelegten Gepäckberg. Gemeinsam reise ich mit ihm im Nachtbus von Lençois nach Salvador. Der Bus ist nur mit wenigen Leuten besetzt. Die Sitzplätze müssen jeweils vorreserviert werden. Die Busse sind wirklich unglaublich bequem. Jedenfalls viel bequemer als der Pöbel im Flugzeug hockt. Der Bugspriet ist nicht wie versprochen schon vorvorgestern gekommen. Robusta schwimmt immerhin schon wieder im Wasser als ich mit Daniel in der Bahia Marina ankomme. Das ganze Personal der Marina, inklusive Chef, waren beim Einwassern mit dabei. Diesmal hat‘s einwandfrei ohne Absturz geklappt.
Die Arbeiten wurden auf Garantie ausgeführt. Mit dem Unterschied, dass diesmal Thomi die Regie über die Ausführung hielt und der Mechaniker als Hilfsarbeiter fingierte!
Hier dazu Thomi: Ja die Reparatur der Antriebswelle; wir haben die Lager „Made in Brasil“ wieder ausgebaut. War nicht so leicht die Broncelager wieder aus dem Schaft hinauszubefördern. Und tatsächlich, alles war wieder zerraspelt und verbrannt. Die Welle brachten wir zu einem lokalen Dreher. Gleich auf die Drehbank geschnallt und siehe da: Die Welle war also tatsächlich krumm, nur ein wenig, von Auge nicht sichtbar. Zum Richten suchten wir dann einen anderen Dreher auf. Welch ein Unterschied! Nun der Einbau: Neues Lager rein, davor noch zwei Fixierschrauben an den Schaft geschweißt damit das Lager einen festen Halt haben wird. Die neue Stopfbuchse montiert, und schließlich die Welle wieder reingestopft. Die Bullflex Kupplung bekam einen neuen Vibrationsdämpfer und den Zentrierring. Alles toll und neu. Das Beste ist, dass die Stopfbuchse einen Schlauchanschluss aufweist. Dieser wird gerade genutzt zur Entlüftung damit in Zukunft gewährleistet ist, dass immer Wasser im Schaft sein wird. Ich denke wir haben nun das Bestmögliche getan um der Robusta einen adäquaten Schaft zu spendieren. Besser kann es nicht gemacht werden. Was bis jetzt nicht klar war, wann wurde denn die Welle krumm? Ich habe den Verdacht, sie war schon immer krumm, dies seit Schottland, wo wir diese neu eingebaut hatten. Ich vermute sogar, dass die neue Welle so geliefert wurde. Denn ein Symptom – der eiernde Motor während dem Segeln (langsam mit drehender Propeller) fiel mir schon damals auf. Da das Standgas zu hoch eingestellt war und der Gang drin war, richtete sich die Welle durch die Zentrifugalkraft von selbst aus. Jedoch mit tieferem Standgas hüpfte der Motor gefährlich im Raum herum.
Reisebereit aber wo bleibt der Bugspriet???
Die Wetterlage ist nicht gerade optimal um in den Süden zu stechen. Wind von Süd-Süd-Ost, wie es zu dieser Jahreszeit so üblich ist. Kreuzend gegen die Wellen fahren – das wird anstrengend. Doch nach drei Monaten wollen wir endlich weg von Salvador! Die Einkäufe für die nächsten zehn Tage hat Daniel mit dem Taxi angeschleppt. Beim Einräumen vom Proviant, entdecke ich zu meinem Entsetzten, im Schrank in einem Reispaket irgendwelche Viecher rumkriechen! Um die präventiv ausgelegten Kakerlaken Fallen liegen diverse mini kleine Kadaver reglos, mit ausgestreckten Beinen und raushängender Zunge auf dem Rücken. Daniel, voll nervös vor Vorfreude auf die Reise zur Ilha Grande und Robusta eigentlich bereit zur Weiterreise. Doch wo bleibt der Bugspriet? Im Land der Edelhölzer sollte es doch nicht problematisch sein so einen 2.20 Meter langen Prügel aufzutreiben.
Da kurvt auch schon die Karre vom Bootsbauer an. Der Bugspriet ragt prominent aus dem Kofferraum. Daniel erkennt das Material sofort mit einem Blick vom Schiff: geschütztes Tropenholz! Mein Gott. So eine Blamage. Was nun?? Sie hätten es von einem alten Schoner genommen. So lautet die widersprüchliche Antwort der Lieferanten. Krass. Wie peinlich.
Die Arbeitsmoral der Arbeiter lässt zu wünschen übrig. Die miese Entlöhnung erfolgt pro Arbeitstag. Eine Reparatur muss selber genau durchdacht und geplant sein. Hier in Brasilien geht das nicht, Schiff abgeben und dann wieder geflickt abholen! Die Stimmung in der Bahia Marina erlebe ich als trostlos. Ich bekomme mit, wie die Arbeiter von den ganzen Bonzen mit ihren fetten Motorbooten, von oben herab behandelt werden. 50 % der Brasilianer haben keinen Schulabschluss. Nur wenige schaffen die Aufnahme an eine Hochschule die sozusagen immer aus eigener Tasche finanziert werden muss. Der Staat investiert wenig bis gar nichts in die Bildung. Arbeiten neben Studium ist hart.Wer arm ist – hat auch kein Recht auf Bildung! Einmal in der Favela gelandet, kriegt kaum eine Chance dort jemals wieder raus zu kommen.
Obwohl vieles mit der Reparatur zu Beginn schief ging, war die Zusammenarbeit mit dem Mechaniker Carliños angenehm. Er ist ein liebenswürdiger Mensch und spricht auch ein wenig englisch! Thomi durfte sogar während den Reparaturen in seiner hübschen Segelyacht übernachten. Dem Chef der Marina ist der ganze Vorfall oberpeinlich. Wir müssen selbstverständlich keinen Real bezahlen. Können kostenlos so lange hier bleiben wie wir wollen, so viel Kranfahren bis es uns schwindlig wird. Lieber nicht! Morgen früh geht’s los Richtung Süden.