September 26 2015

Pinheira – Rio Grande do Sul

Es dauert etwa zehn Minuten bis ich schnalle, wie die verflixte Dusche heisses Wasser zaubert. Dann geht’s los! Schön mollig warm rieselt das heisse Wasser über mein mitlerweile ultra glänzendes Haar, bis über den ganzen Körper. Was für ein fantastisches Gefühl! Das kannst du dir gar nicht vorstellen! Ich will gar nicht mehr raus aus der Dusche. Nach dem Abtrocknen wandert meine Hand  magischerweise zurück zum Drehknopf und stellt diesen nochmal an. Ich wiederhole die ganze Prozedur und geniesse noch intensiver das heisse Wasser! Ein Stück Appenzeller Käse und ein Stück Schweizer Schoggi wäre jetzt in dieser Situation auch nicht schlecht als Aufmunterung.
Fünf Tage auf See. Der verfluchte Wetterbericht. Wie hatten doch Ugur und Maral von der Blue Belle nur recht gehabt, doch nicht los zu segeln! Wir steckten den Kurs auf der Karte ab, es sah alles nach easy sailing aus. 10 bis 15 Knoten aus Nord-Ost. Das Wetterfenster ist jedoch knapp bemessen. Drei Tage soll es so bleiben, bevor der Wind auf Süd dreht. Die Gewitter machen Ugur und Maral Sorgen. Vor allem die Böen. Sie wollen ihren altersschwachen Mast schonen. Kann ich gut verstehen! Er ist ja auf dem Atlantik schon mal gebrochen.


Letzte Wetterbesprechung: Sie bleiben, wir segeln los. Motoren aus der Bucht, wo eben gerade noch Wind war. Kennen wir das nicht schon? Draussen segelt Robusta mit knapp zwei Knoten Fahrt. Super, so kommen wir nie in Rio Grande do Sul an. Immerhin sichten wir Wale! Die Baleia Franca (Eubalaena australis) sind um diese Jahreszeit in diesen Gewässern. Schon eindrücklich diese Tiere zu beobachten. Wir montieren sofort den Wal Wecker. Die antike Schiffsglocke hängt am Bugspriet, mit einer Schnur am Plämpel, mit Schäkel beschwert, die bis ins Wasser reicht. So bimmelt die Glocke immer wieder mal. Die Wale, die knapp unter der Wasseroberfläche schlafen, werden durch das Geräusch geweckt und verduften hoffentlich. Eine Kollision mit Walen wollen wir unbedingt vermeiden. 14 Tonnen gegen 50 Tonnen und 18 Meter lange Fische? Wie endet sowas?
Mist der Wind stellt ab! Ausser Wellen und schlagende Segel null, nix, nada. Fünf Stunden harren wir aus. Die See beruhigt sich nicht, der Wind bleibt aus. Neptun, brauchst du noch einen extra Schluck Cachaça? Als dieser Versuch auch nicht hilft, kommt der Arabische Wind zum Einsatz. Motoren drei Stunden bis Imbituba. Ankern  im Dunkeln nach Navionics Seekarte. Nach  OPEN CPN Plotter ankern wir fast auf einer Kuhweide! Super, soviel zur Genauigkeit der Brasilianischen Seekarten. Der Tiefenmesser zeigt aber genügend Wasser unter dem Kiel an. Wir schlafen, bis wir morgens um zehn vom Schlagen der Falle geweckt werden. Nun aber los! Wau, wie angenehmes Segeln. 15 Knoten aus Nord-Ost, bei Sonnenschein, perfekter könnte es nicht sein. Doch die nächsten drei Tage verbringen wir mit Gewitterzellen ausweichen, Segel setzen, Segel reffen, Segel runter, dümpeln, Rauschefahrt bis fast neun Knoten mit unserem lieben Stahleimer. Unglaublich! Das nur mit gerefftem Klüver. Ich frage mich wirklich, ob unser Windmesser stimmt. 30 Knoten hat er maximal angezeigt.

Nach meiner Nachtschicht falle ich komatös müde, vor Angst verspannt in meine Koje. Gewaltig wie ein Gewitter auf hoher See aussieht. Fette Blitze schlagen ins Wasser ein. Entscheiden, den ganzen Strom vom Netz zu nehmen. Lieber ohne Beleuchtung segeln. Bei dem  scheiss Wetter ist ja eh kein Fischer unterwegs. Die fetten Pötte, die hier selten rumkurven, erkennen wir trotz heftigen Regenschauer. Müssen wir halt ausweichen. Wau sind wir froh, ist die Robusta mit einem Deckshaus aus Lastwagenplane ausgerüstet!!! Sie ist ein tolles Schiff, wir lieben dich Robusta, obwohl du nicht so schnell bist wie Gin Fizz  🙂
An Schlaf ist nicht zu denken. Ich werde durch rasende Kopfschmerzen geplagt. Habe ich eigentlich selten. Mehr Wasser statt Alkohol trinken? Na ja jetzt saufen wir wieder mal nichts wenn wir auf See sind. Der Biervorrat ist eh alle. Thomi flutscht die Magensäure durch die Schaukelei in den Kehlkopf oder so ähnlich, wie er behauptet. Wir fragen uns, warum wir uns das alles antun. Trotzdem hat Thomi die Nerven, zehn Minuten nach der Ankunft in Rio Grande gleich vom nächsten langen Schlag zu reden. Ich raste kurz und heftig aus. Will nichts mehr vom Segeln hören. Am liebsten würde ich gerade nochmals unter die Dusche huschen.

Doch wir sind noch nicht angekommen! Wau, nur noch 23 Seemeilen bis zur Einfahrt in den Ententeich. Null Wind. Wie bitte?? Wellen, schlagende Segel. Das volle Programm. Segel runter, wir pennen und alle Stunde wird der Wecker gestellt. Um fünf Uhr morgens müssen wir den Motor anschmeissen, sollte der Wind nicht einsetzen, damit wir rechtzeitig in der Flussmündung ankommen. 04.37 werde ich mit der Nase an die Bordwand gedrückt. Wind! Segel setzen und los geht’s! Ab die Post. So ein Mist, der Wind kommt von genau von dort wo Robusta hin soll. Ich stecke einen Kurs ab, rechne wie wahnsinnig, das alles um fünf Uhr morgens. Die Härte für einen Morgenmuffel. Wirklich meine Lieblingsbeschäftigung. Thomi will motoren. Mit gegen den Wind aufzukreuzen schaffen wir es nie rechtzeitig in die Flussmündung. Die Wellen werden immer höher, der Diesel immer knapper den wir dringend im Fluss brauchen werden. Also doch Aufkreuzen. Um den kleineren Klüver zu setzen sind wir zu faul. Also ungerefft gegen etwa 18 Knoten Wind. Robusta macht das schon, die Segel hoffentlich auch. Keine Chance der Küste rechtzeitig näher zu kommen. Wir kreuzen den ganzen Tag hin und her! Die Flusseinfahrt erreichen wir zum suboptimalen Zeitpunkt. Versuchen trotzdem rein zu fahren. In einem Fluss muss ein Neerstrom sein. Eine entgegengesetzte Strömung am Ufer. Also fahren wir ganz nahe an der rechten Hafenmole entlang. Diese ist übrigens 35 Meter länger als in der Seekarte eingezeichnet!!! Muito obrigada für die Genauigkeit der Brasilianischen Seekarten! Gut war da kein Nebel. Im Dunkeln hören wir die grunzenden, schnarchenden oder wie auch immer tönenden Seelöwen die auf der Mole hocken. Schade können wir sie nicht sehen. Es klappt, Robusta schiebt sich bei normaler Motorenleistung mit über sechs Knoten den Fluss hoch! Nach einer Meile ankern wir da der Fluss breiter wird, der Neerstrom ausbleibt und pennen gründlich aus. Ab elf Uhr wird die Flut uns ans lang ersehnte Ziel bringen.
 
 



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Posted September 26, 2015 by robusta in category "Brasilien

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