May 20 2021

Seward

Zivilisation in Sicht! Die schwierige Etappe rund um die Kachemak Halbinsel ist geschafft!

Ausdüfteln an welchem Zeitpunkt die Strömung ausgenutzt werden kann oder wo sie lebensgefährlich wird, war super spannend. Und die Wetterprognosen anhand der Topografie zu interpretieren, gelingt auch immer besser.

Seit Homer sind wir keinen einzigen Meter unter Segel gelaufen. Das tun wir sonst nie. Gereist wird mit dem Wind. In Alaska kannst du alt werden bis die Konditionen stimmen. Die Tiefs bringen derart starken Wind aus der Gegenrichtung, dass nicht viel übrig bleibt, sich in einer geschützten Bucht zu verkriechen. Solche Faultage, wenn der Regen so richtig auf die Blechdose prasselt, eignen sich hervorragend um Reise- und Revierberichte zu studieren, oder ein tolles Buch zu lesen. oder…. an Beschäftigungsideen herrscht kein Mangel.

Alles lief vom technischen Aspekt gesehen bestens. Thomas hat ein grosses Lob verdient. Er ist ein Genie!

Ich greife zum Handy um zu sehen, ob da bereits ein Signal zu empfangen ist. Nein. Schade. Nicht etwa eine Mediensucht treibt mich zu solch einer absurden Handlung. Doch wir sind total neugierig auf Nachrichten betreffend der kanadischen Grenze. Wird der Traum Kanada wahr? ? Bewusst positiv ausgedrückt, und positiv thinking  hat nicht geholfen. Die Grenze bleibt bis zum 20 Juni zu.

Im Hafen gibt es tatsächlich eine Dusche mit heissem Wasser! Dort an der Tür hängt ein Plakat, welches das alljährliche Meerjungfrauen Festival mit Markt und Konzert, für dieses Wochenende ankündigt. Passt ja super. Per Mail benachrichtigen wir Susia und Brad, dass wir in Seward angekommen sind. Sie seien unterwegs nach Anchorage und machen in dem Fall husch den Umweg von ein paar hundert Kilometer, um uns anständig tschüss zu sagen. Ist in Seldovia ja buchstäblich ins Wasser gefallen. Ein so schnelles Wiedersehen, übertrifft jegliche Erwartungen! 

Für die nächste Passage zum Prince William Sound, scheint es Wind zu geben. Ich glaube noch gar nichts. Denke nicht im entferntesten daran, das Fock anzuschlagen. 

 

 

 

 

 

 

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May 15 2021

Realität oder Aberglaube?

Irgendwie stellt sich das sonst so bekannte Gefühl einer gewissen Gelassenheit beim Segeln nicht ein. Beide sind wir angespannt. Schnell mal gereizt und bereit für Zänkereien um Kleinigkeiten. Was ist anders als sonst?

Thomas freut sich tierisch wieder zu reisen. Ich kämpfe mit Abschied nehmen. Von einem Ort, an dem wir immerhin sieben Monate geblieben sind. Eine tolle abwechslungsreiche Zeit der Sesshaftigkeit für uns Fahrende. Nun einfach tschüss zu sagen, mit dem Wissen, dass die Wahrscheinlichkeit auf ein Wiedersehen  klein sein wird, damit habe ich als sozialfreudige Person zu kämpfen. Die nächsten Monate werden wir  in einer Zweierkiste auf engstem Wohnraum verbringen.

Uns bleiben noch sieben Wochen um nach Kanada zu segeln. Ob die Grenze bis dann offen sein wird, steht in den Sternen. Jeden Monat debattiert Kanada und die USA erneut über eine Öffnung. Der Druck steigt auf die Sommerferien. Im Herbst steht die Präsidentschaftswahl an. Trudeau, der amtierende kanadische Präsident, so denken wir, will sich keinesfalls negativ exponieren. Eine der Bedingungen für Lockerungen ist die Durchimpfung von 75% der Bevölkerung.  Ein etwas utopisches Ziel bei so viel Impfskepsis? Zudem ist Kanada voll und ganz auf Import des Impfstoffes angewiesen. Aktuell liegt Impfquote bei 35% haben eine Dosis bekommen, voll geimpft sind soweit 3 %. Im Vergleich die Zahlen der USA: 60 % eine Dosis, 49 % voll geimpft. Mit der einhergehenden Krise in Indien, hat Kanada aus Solidarität auf die Lieferung von Impfdosen von dort verzichtet.

Wir mögen gar nicht an die Enttäuschung denken, nicht nach Kanada einreisen zu dürfen.  Schon Jahre freuen wir uns auf diesen enorm spektakulären Teil dieser Reise! Noch beschissener ist der Fakt, wenn Kanada nicht öffnet, bliebe uns auch die Einreise in die Lower States der USA verwehrt (Washington, Oregon, Kalifornien). Also Alaska – Mexiko Nonstop, eine Strecke von gerade mal 2600 Seemeilen!

Susia hat die Aufgabe bekommen, die Neuigkeiten per Mail an unseren Kurzwellenfunk zu senden, denn wir werden kein Internet oder Telefon haben.

ES IST WIE ES IST – THINK POSITIV- ALLES IST SUPER!

So versuchen wir uns auf die Herausforderung der nächsten Etappe, aufgestellt und mit Freuden einzulassen. Doch das positiv thinking wird schon schnell arg strapaziert. Trotz traumhafter Prognosen ist da null Wind. Zu allem Übel noch mit Wellen von der Seite. Vier Stunden unter Motor, ohne Autopilot zu reisen, gefällt uns nicht. Beide haben am nächsten Tag Muskelkater vom Seegang ausbalancieren. Die Seebeine müssen nach dem Winterschlaf erst wieder wachsen.

Port Chatham ist kein Hafen wie es der Name ausdrückt. Die Siedlung ist seit 1949 verlassen. Als wir das erste Mal von diesem Ereignis hörten, dachten wir die Erzählerin hätte einen Flick weg. Bei der Planung stiess ich erneut auf mysteriöse Berichte. Fischer und Jäger schildern ähnliche Erlebnisse. Doch konkret hat niemand etwas gesehen. Schräg. Hat da etwa der Nebel die Phantasie beflügelt? War da ein Überfluss an Alkohol oder etwa ein spezielles Kraut im Spiel? Es ist das „ES“. Oder das Nautiinaq, welches übersinnliche Kräfte und Energien besitzt.

Umso neugieriger sind wir jetzt geworden.

Die Küste ist zerklüftet. Entlang des verzweigten Fjords ragen schneebedeckte Berge zu allen Seiten empor. Zahlreiche Felsblöcke ragen bei Ebbe aus der See. Ein absolut schöner Flecken Erde.  Scheint ein durchaus lebenswerter Ort zu sein. Als da noch wer war, lebten diese Leute vom Fischfang und der Jagd, betrieben eine Konservenfabrik, oder bauten Chrom in den Minen ab. Doch wenn Menschen auf unerklärliche Weise spurlos verschwinden, oder grob verstümmelt, wie es kein Bär zustande bringt, mit der Flut vor die Siedlung getrieben werden, ist das eindeutig zu gruselig.

Wir bleiben mehrere Tage. Nicht etwa weil wir dringend das Nautiinaq sehen müssen. Nein. Zwei Tiefs, bringen um die 35 Knoten Gegenwind. Die letzte Nacht wurden wir regelmässig von Williwaws gebeutelt. Sogar bei ruhigem Wetter. Ich habe schlecht geschlafen. Erster Gedanke, wenn ich durchs das Zerren an der Ankerkette geweckt wurde, war an das Nautiinaq. So wechseln wir den Ankerplatz. Die Wahl fällt auf eine weite Bucht, vor einem offenen Tal im Lee, in zehn Meter Wassertiefe. Eigentlich müsste der Wind von der Topografie her, hier voll durchdonnern. Doch dort liegt ein Fischkutter und ein Ausflugsboot vor Anker. Also kann diese Stelle nicht all zu blöd sein. Besser starker Wind mit viel Platz um viel Kette zu geben, als die Williwaws, die von allen Seiten, mit enorm zerstörerischer Stärke von den Berghängen runter toben.

GRIB Files versprechen  moderaten Westwind. Also los!

Thomas steht am Steuer. Ich lese in der Koje und schlafe dabei ein. Stunden später nehme ich wahr, dass der Motor noch immer läuft. Es ist laut. Mein Kopf dröhnt. Warum ist der verfluchte Motor so laut? Die Prognosen sind schon wieder falsch. Segeln ist so was von angenehmer. Die Windsteueranlage übernimmt die Arbeit. Der durch’s Wasser gleitende Rumpf, kreiert im Innern eine Symphonie aus Plätschern und Gurgeln. Das lieben wir,  und dazu erst noch die Kraft der Natur zu spüren. 

 

 

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May 4 2021

von Homer nach Seldovia

Gerdy, Susias Hund, rennt aufgeregt dem Steg entlang. Es geht los! Das nach sieben Monaten Pause vom Segeln. Hoffentlich funktioniert alles. Vor allem das von Thomas neu umgebaute Lithium Batteriesystem. Die nächsten Wochen verbringen wir fern ab jeglicher Zivilisation. Ersatzteile bestellen ist unmöglich. Für Reisen in abgelegene Reviere, muss das Gefährt einwandfrei gewartet sein. In der Wildnis bist du auf dich selbst angewiesen. Auch Google fragen funktioniert ohne Internetempfang nicht. Besser geht nichts schief.

Susia und Brad begleiten uns mit ihrem hübschen Holzmotorboot. Sepp fährt mit uns mit. Doch in Seldovia finden wir einander nicht. Alle sind einfach losgebraust. Kein Handyempfang! Voll blöd. So latschen wir drei bei Regen das hübsche Dorf und die Umgebung ab. Sepp sucht nämlich immer noch ein Grundstück. Irgend wann finden wir die Bar. Dort hocken Susia und Brad bereits seit Stunden. Sie hätten uns mit dem Dhingi in den Hafen fahren sehen. Logisch sei doch, sich in der einzigen Bar zu treffen. Bis ans Lebensende gibts immer wieder was zu lernen. So bestellen wir eine richtig riesige Ami Pizza und teilen diese. Susia und Brat übernachten im Dorf bei Freunden, Sepp bei uns.

Morgens um zehn ist ausgiebiges Frühstück auf der Robusta geplant. Ich bin schon früh wach. Das Boot zerrt energisch am Anker. Fallwinde schäumen die Bucht auf. Sowas war nicht in den Prognosen. Doch hätten wir eigentlich erkennen müssen. Zischt im Golf von Alaska ein Tief durch, entstehen an der Nordseite vom Kachemak Gebirge Fallwinde.

Nass und wie ausgepeitscht dreinblickend, tuckern Sue und Brat mit ihrem Boot an. Panik kommt auf. Sie wollen sofort aufbrechen. Zurück nach Homer fahren, bevor noch alles schlimmer wird. Sepp muss,  falls er wieder zurück will, sofort umsteigen. In zwei Sekunden hat er gepackt. Konnten uns nicht mal zum Abschied umarmen, denn alle waren beschäftigt, damit die Boote nicht zu arg aneinander knallen.

Kurzer und schmerzloser Abschied. Nicht so ganz für die drei Homies. Denn sie wurden während der Überfahrt im offenen Boot, ganz schön gebeutelt. Die Wassertemperaturen liegen bei zwei Grad, Luft um die sieben. 

In Alaska ist Hypothermie (Unterkühlung) der grosse Feind der Seefahrer – doch die drei kennen nichts, erstaunlicherweise haben sie überlebt – auch ohne nur einen Bissen Frühstück im Magen!

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May 1 2021

Fazit – überwintern in Alaska

Den kalten Winter, mit mehr Schnee als in vergangenen Jahren, hat die Robusta und Crew überstanden. In Alaska überwintern stellt eine besondere Herausforderung dar. Kälte, Schnee und Stürme bedingen einige Anforderungen an das Schiff und die Crew. Alle zwei Wochen im Schnitt, zieht ein heftiges Tief von den Aleuten über die Peninsula westwärts über Alaska. 

Die grösste Herausforderung in hohen Breiten ist das Kondenswasser, welches durchs Heizen entsteht.

Nach einem Monat bei Aussentemperaturen  von im Schnitt  um die minus 10 Grad, oder auch zur Abwechslung mal über Null Grad, habe ich mich mal bis in die Bilge im Bug unter den Kojen vorgekämpft. Diese ist schwer zugänglich, da sich dazwischen der vollgestopfte Stauraum befindet.  Unter der Matratze liegt ein Gitterrost damit Luft zirkulieren kann. Alles trocken. Kleider, welche in Vakuumplastiktüten gestaut sind, sehen gut aus und duften auch noch halbwegs fein. Selbst die Tüten sind trocken. Doch die Vorfreude ist schnell weg. Als ich das Bodenbrett entferne, entdecke ich  Kondenswasser und das Holz ist auf der unteren Seite mit Schimmel bepudert. Oh je. Alles muss raus. Bilge auspumpen, Bretter mit Essigwasser waschen. Doch wo trocknen? Chaos über den sonst schon so beschränkten Innenraum ist vorprogrammiert, da nun auch noch Bretter nur drinnen trockenen werden. Die Komfortzone ist im höchsten Mass bedroht. Nerven beginnen durch Reibung zu glühen, denn draussen stürmt es nun seit Tagen. Keiner von uns hat jetzt wirklich Lust um nach draussen zu gehen. Also bleibt nichts anderes übrig als nett und lieb miteinander zu sein. Der kleine Wohnraum im Winter, empfand ich zeitweise ätzend. Zu wenig Platz um die nassen Jacken drinnen aufzuhängen. Die vielen dicken Winterklamotten schienen immer im Weg zu sein. 

In die Bilge unter den Kojen stellten wir  Entfeuchter mit Calciumchlorid.  Diese Behälter müssen regelmässig kontrolliert werden. In ihnen sammelt sich das Kondenswasser welches vom Calciuchlorid aus der Luft aufgenommen wird. Gleichzeitig werden unangenehme Gerüche neutralisiert. Thomas bohrt Lüftungslöcher und baut Computerventilatoren ein, damit der Stauraum unter den Kojen belüftet ist. Dieses weisse Pulver, welches wie Crack aussieht, möchte ich bei der nächsten Grenzkontrolle nicht mehr an Bord haben.  

Feuchtigkeit entstand an allen Stellen, die nicht isoliert waren.  Zum Beispiel wo die Kabel vom Mast durch die Decke in den Innenraum führten und an nackten Stahlstreben in den Schapps. Diese Streben sind nun mit Styropor verkleidet. Dafür habe ich Resten von irgend einer Verpackung verwertet. Der Kabeldurchlass ist  mit Bauschaum  aufgefüllt. 

Die Luken und Bullaugen blieben mit der Doppelverglasung aus Plastiktischtuch total trocken!

Die Robusta ist bis einen halben Meter unter die Wasserlinie  isoliert.  Sie ist mit ihren 38 Fuss klein, somit mit wenig Energie schnell aufgeheizt. Der Hafenmeister war erstaunt über die tiefen Stromrechnungen. Erst dachte er, wir würden irgendwo anders Strom abzwicken.  Besucher waren erstaunt, wie gemütlich warm es drinnen ist.

Die Diesel Standheizung Webasto lief Morgens und Abends für etwa eine  Stunde. Als zusätzliche Wärmequelle kauften wir für den Winter  einen 1500 Watt Oelradiator der über Landstrom lief. 

Der Aufbau über dem Deckshaus hat eher genervt, als wie gedacht vor der Schneelast schützen würde. Schneefall war stets von starken Winden begleitet. Also hat der aus Dachlatten gezimmerte, mit Plane bespannte Schutz, dauernd geflattert. Lüftungsstutzen mussten zugestopft werden. Schnee mit Wind findet überall den Weg ins innere.

In kalten Temperaturen sollen Wanten ganz wenig gelöst werden. Doch dann fingen sie an zu vibrieren. Gummistroppen spannen half recht gut.

Die Robusta ist absolut gut geeignet um in hohen Breiten zu überwintern. Das hat sie bereits in Patagonien bewiesen. 

Wir sind echt dankbar, dass wir für die Wintermonate ein Auto von Freunden benutzen durften. Der Hafen von Homer ist bis zur nächsten Einkaufsmöglichkeit  zehn Kilometer entfernt. Ohne Auto hätte sich eine Überwinterung besser in Seldovia, Seward oder Cordova geignet. Doch Homer gehört definitiv nicht dazu.

Der Hafen ist sehr gut geschützt. Kein Schwell. Doch durch die kleine Öffnung im Hafen, trieben bei  Nordwind mit der Flut, immer wieder mal enorme Mengen an  Eisschollen rein und füllten den ganzen Hafen. Ist ein echtes Schauspiel wie sich die Schollen knirschend and Stegen und zwischen den Schiffen durchschieben. Im Winter liegen hier auch grössere Kutter an denen unermüdlich der Stahl mit der Flex oder dem Hilti geräuschvoll bearbeitet wird. Generatoren brummen, dessen Geräusche sich durchs Wasser übertragen und sogar körperlich zu spüren sind. 

Die Toiletten im Hafen sind modern, geräumig und sehr sauber. Doch da sind keine Duschen! Wir haben uns auch nicht danach erkundigt. Ich mag mich nicht erinnern, dass wir jemals in einem Hafen ohne Duschgelegenheit waren! 

Morgen ziehen wir weiter zum Prince William Sound

 

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April 28 2021

Abschied

Gerdy kratzt an der Türe vom in der Nachbarschaft gelegenem Hausboot, wo Thomas und ich nun wohnen. Ich freue mich über ihren täglichen Besuch! Doch gleichzeitig stimmt es mich traurig. Sanft streichle ich ihr über das struppiges Fell, das sie sich ungern bürsten lässt. Am Strand schmilzt nun so langsam der Schnee. Der gefrorene Belugasee ist nicht mehr begehbar. Erste Zeichen vom Frühling sind erkennbar. Zugvögel, wie die Kraniche sind eingetroffen. Sie sind von Kalifornien gekommen und werden den gemässigten Sommer in Alaska mit der Aufzucht der Jungtiere beschäftigt sein. Schade ist der Abschied schon bald. Nur zu gerne hätten wir miterlebt, wie die Natur aus dem Winterschlaf erwacht. In den Salzwiesen um Homer werden diverse Vogel- und Entenarten den milden Sommer verbringen.

Über den Winter durften wir einige nette spannende Menschen kennen lernen. Alaska, ist für uns ein sehr spezieller Ort. Ein wildes Land, mit kurzer intensiver Geschichte.

Witzig ist, dass sich so viele bemühen, damit wir sämtliche Schweizer die hier leben, kennen lernen. Ihre Lebensgeschichten beeindrucken uns. Noch eindrücklicher ist für uns die Lebensweise. Homer hat sozusagen keinen Dorfkern wie wir dies in Europa kennen. Alles ist auf’s Autofahren ausgelegt. Die Leute leben auf riesigen Grundstücken, so gross, dass meist kein Nachbar in Sichtweite ist. Doch was uns völlig in die Knie haut, ist die Aussicht! Wald, Berge, Meer, Natur so weit das Auge noch reicht. Winter ist die Zeit der Ruhe. Im Sommer ist der Bär los, Touristen ziehen aus allen Richtungen in oft skurrilen Gefährten durch Alaska. Campen, Fischen und Jagen ist für viele von ihnen ein Traum. 

Alles was ich gerade tue, nehme ich äusserst intensiv wahr. Denke, jetzt ist es das letzte Mal, wo ich mich in dieser Badewanne entspanne. Nochmals Wäsche waschen in einer tollen sauberen Maschine, ohne die dreckigen Kleider erst mühselig in einen Waschsalon zu transportieren. Mit Gerdy nochmals am bezaubernden Strand spazieren. Und wenn ich nun an den Abschied all der netten Leute denke, rollen dicke Tränen über meine Backen.

Ein Wetterfenster tut sich auf. Susia, Brat und Sepp werden uns bis Seldovia begleiten.

Doch erst soll noch ein Abschiedsfest am Strand über die Bühne gehen.

Ganz einfach. Alle bringen mit, was sie zum Festen brauchen und zusätzlich noch ein Instrument oder Ähnliches, um eine anständige Jam Session zu vollbringen. Wir sind im Endstress. Grosseinkauf steht an. Wer weiss, wann sich die nächste Gelegenheit bietet. Segel anschlagen, Rigg kontrollieren und spannen.

Das Dhingi verliert auch mal wieder Luft. Da ich kein Leck finden kann, besorge ich an der Tankstelle eine Dose mit giftgrünem Inhalt. Luft raus, grüne Pampe durch das Ventil rein, aufpumpen und immer wieder das Dinghi drehen und wenden, damit sich der Schleim im Innern schön verteilt. Diese Notreparatur, eigentlich für Autoreifen gedacht, funktioniert für das sehr alte PVC Dinghi perfekt. Die letzte Anwendung hat ein Jahr gehalten. Falls jemand ein gebrauchtes Dinghi zu verkaufen hat, bitte melden. Das tat dann Joe. Doch das Dinghi liege unter einem Berg Schnee! Zwei Tage graben wir. Stossen irgendwann auf Eis. Salz rauf und einwirken lassen. Hat bedingt geholfen. Das befreite Dinghi sieht nicht schlecht aus. Doch es braucht eindeutig Zuwendung. So kaufe ich Kleber und Flicken. War jedenfalls so geplant. Für eine  mikrokleine Tube Kleber und paar Quadratzentimeter Flicken, 60 Dollar!!! Abriss! Joes Dinghi ist jetzt in Flicken zerlegt. Hochgerechnet sind diese nun 15 tausend Dollar wert. Cool!

Wir sind erstaunt. Am Samstag herrschen für eine Strandparty nahezu perfekte Bedingungen. Kein Wind, kein Schnee oder Regen. Temperaturen knapp über Null Grad Celsius. Sue, Susia und Brat, die musikalischen unter uns, haben zum Abschied ein Seemannslied komponiert! Hey, völlig cool, Wir wollen es auch lernen!

Danke für die tolle Zeit und tschüss Homer Homies

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April 14 2021

Werft

Heute Nachmittag ist wie alle zwei Wochen wieder, eine besonders hohe Flut angesagt. Die Robusta wird für Wartungsarbeiten an Land gehoben.  Ich kann mir noch gar nicht vorstellen, dass da genug Wasser ist, wo ich so oft spazieren gegangen bin. Doch der Meeresspiegel hebt und senkt sich um die sechs Meter innerhalb von etwa zwölf Stunden.

Wir mögen Kranen nicht. Beide sind aufgeregt oder sogar echt nervös. Den Grund für diese unangenehmen Gefühle ist auf ein Ereignis in Brasilien zurückzuführen. Dort ist die Robusta beim Kranen aus den Gurten gerutscht. Alles geschah glücklicherweise, als sie noch über dem Wasser hing. Thomas war drinnen. Er kam mit einer platten Nase und zerbrochener Brille einigermassen heil davon. Doch die Robusta sah übel aus. … Die Jungs  der Northern Enterprise sind echte Profis.  Behutsam wird die Robusta mit dem Travellift aus dem Wasser an Land gehoben, über die Strasse auf das Gelände der Werft Northern Entreprise transportiert. Etwas erstaunt war ich dann schon zu sehen, wie die Boote im seismisch hoch aktivem Alaska mit Holzpaletten abgestützt werden. 

Die Temperaturen liegen noch immer unter dem Gefrierpunkt. Die Wassertanks sind darum für geleert. Die könnten einfrieren und dabei bersten. Alle Seeventile sind offen, damit kein Wasser in den Leitungen stehen bleibt. Bei Sonnenschein ist es sogar über Null Grad und die Werft verwandelt sich in ein Sumpfgebiet.  Jack bringt mit einem Lastwagen Wasser und  Kompressor, damit wir den ganzen Bewuchs mit dem Hochdruckreiniger vom Rumpf entfernen können. Am nächsten Morgen ist die ganze Suppe unter der Robusta steif gefroren. Der Rumpf sieht gut aus. Nur an einer kleinen Stelle ist Farbe bis auf den Stahl abgekratzt. In Fiji hat die Robusta ein Riff geküsst. Na ja, eigentlich war das der Kapitän… 

Antifouling streichen ist bei diesen Temperaturen, eine Herausforderung. Mit gefütterten Handschuhen und darüber noch eine Lage Gummihandschuhe, wird der Rumpf erst gereinigt und angeschliffen. Total anstrengend. Über Stunden in seitlich gebückter Position. Der kalte Sabber vom Rumpf spritzt ins Gesicht und läuft von den Handschuhen in die Ärmel. Den Antifouling Anstrich anbringen ist dagegen eine schöne Arbeit.  In der Kälte trocknet das Antifouling langsamer.  24 Stunden pro Schicht wird empfohlen. In Alaska gibt es übrigens spezielles Epoxidharz  Trocknet bei bis minus 10°C !

Leider musste die Antriebswelle ausgetauscht werden. War ziemlich korrodiert. Zum Glück gab’s einer der besten Betriebe hier im Ort für solche Belange. Doch die haben hier Imperial Längenmasse. Der Durchmesser der Welle ist nun 3.4925 cm, das sind 1 3/8 Zoll statt 3.5 cm. Aber das liegt im Bereich des möglichen versichert der Profi.

Zwei Wochen später schwimmt die Robusta wieder in ihrem Element.

So und nun stehen noch die letzten Vorbereitungen für die Weiterreise an. Unterwanten ersetzen, Segel anschlagen, Leinen den Mast hochziehen und viele kleine Sachen die einem zuletzt noch in den Sinn kommen.

 

 

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March 27 2021

Gedanken um die Zukunft

Die Nachbarin klopft aufgeregt an die Tür. Seit ihr gegen Covid19 geimpft?

-Nein-

Wir können uns nicht vorstellen, als Ausländer einen Termin zu bekommen. Ich habe mich getäuscht. Alle ab 18 Jahre jung, dürfen sich jetzt anmelden. Und jeden Tag bleibe Impfstoff übrig. Die einen können es kaum erwarten, andere haben die Nerven nicht zum vereinbarten Termin zu erscheinen.

Bis anhin liegt die Meinung sich impfen zu lassen, bei einem klaren Nein. Da ist viel Skepsis zum so schnell hergezaubertem Impfstoff. Nach Möglichkeit behandeln wir uns mit Naturheilmitteln selber. Wir beide sind jedoch nicht so  Radikal, dass wir die Schulmedizin ganz verteufeln.

Mittlerweile wird seit wenigen Monaten in den reichsten Ländern der Welt, mit Massenimpfungen begonnen. Einige Regierungen nehmen die Situation noch immer nicht ernst, obwohl massenweise Menschen sterben. Ich nehme in der ganzen Welt eine Zunahme von Verzweiflung, Misstrauen, Frust und Kampf wahr. Leute gehen auf die Strasse, wehren sich gegen Massnahmen der Regierungen. Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur.

Unsere Meinungen schwappen wie in einem Kochtopf mit wild strudelndem Wasser durcheinander. Stunden verbringen wir die Winterzeit, schaudernd und schnell mal  von all den Informationen erschlagen, die durchs Netz auf uns einprasseln.

Zur Erholung ist die bezaubernde Gegend von Homer  bestens geeignet. Auch im tiefsten Winter. Zu Fuss geht das nur bei Ebbe am Strand. Der ist dann riesig wegen der enormen Gezeiten. Die Sandbänke sind nach jedem Wintersturm wieder neu formiert. Dieses Jahr liegt besonders viel Schnee. Caroline bringt mir Langlaufen bei. Sie schlaucht mich bergauf und runter, durch’s Gestrüpp, über Eisflächen und durch Tiefschnee. Sie bindet mir ihren Hund Heidi um die Hüften. So schiesse ich völlig wabbelig, in meinen etwas zu grossen Skischuhen, der sich zwischen Bäumen windenden Langlaufpiste hinunter. Für den Anstieg übernimmt sie den Hund wieder.

Sepp ist auch immer für eine Schneeschuhtour zu begeistern. Ist immer sehr lehrreich mit ihm. Er kennt die Sprache der Natur. Sepp hat rund vierzig Jahre in den Brooksrange, in völliger Abgeschiedenheit, mit seinem Schlittenhundeteam als Trapper gelebt. Sein Auto war 35 Kilometer von seiner Hütte entfernt geparkt. Bis zur nächsten Einkaufsmöglichkeit sind es weitere 40 Kilometer. Um im Winter bei eisiger Kälte den Motor zu starten, muss dieser erst mit Hilfe eines Gasbrenners vorgewärmt werden. Besser der Motor verliert dann gerade kein Oel. Diese enormen logistischen Strapazen des Lebens, will Sepp nun etwas minimieren. Er sucht sich ein Stück Land in gemässigter Zivilisation. Er hat ein Buch geschrieben. Es handelt um seine Teilnahme am härtesten Hundeschlittenrennen der Erde, dem 1600 Kilometer langen Yukon Quest, von Alaska nach Kanada.

Im Gegensatz zu Sepp, stehen unsere Zukunftspläne eher auf wackligen Beinen. Covid19 beeinflusst nun seit über einem Jahr unser Leben. Sind jedoch absolut dankbar, die Pandemie erst in Japan und nun in Alaska zu durchwursteln. In den Geschäften sollen Masken getragen werden. Alles ist offen. Ihr müsstet erleben, wie es hier sonst im Winter abgeht! Party – Party – Party. Mit solchen Sprüchen trauern die neuen Freunde um vergangene Zeiten. Wir geniessen die Situation so wie es ist und denken dabei an unsere Familien und Freunde, die im zweiten Lockdown zu Hause eingesperrt sind. Mein Sohn Sascha hat die Arbeitsstelle gewechselt. Den ersten Arbeitstag verbrachte er in der Firma. Der zweite Tag bereits im Homeoffice. Ohje, wenn das nur gut geht.

Mitte Juli läuft unsere Aufenthaltszeit in den USA aus. So mache ich mich über die Formalitäten für eine Verlängerung her. Irgendwo im Kleinstgedruckten, total schwer zu finden, entdeckt Thomas, folgenden Mist: Abgabe der biometrischen Merkmale erfolgt mit einem Aufgebot per Post. Wann? Keiner weiss das. Im ganzen Staat Alaska, welcher weitaus grösser ist als Europa, geht das nur in Anchorage! Wir müssen spätestens Ende April los segeln. Von unterwegs ist eine Reise nach Anchorage schlicht nicht mehr möglich. Die Zeit drängt. Bis zur Kanadischen Grenze ist es noch weit. Mit durch Wetter bedingten Unterbrüchen, ist in Alaska dauernd zu rechnen. Völlig angepisst, drücke ich auf die delete Taste und die sorgfältig ausgefüllten Dokumente sind weg. Nun erinnere ich mich wieder, warum ich in jungen Jahren doch nicht nach Kalifornien ausgewandert bin. Alles klar!

Was wenn die seit einem Jahr geschlossene US-Kanadische Grenze im Juli noch immer zu ist? Recherchen ergaben, für den Transit durch die kanadischen Kanäle von Alaska nach Washington, wird ein Passierschein ausgestellt. Doch in Kanada einklarieren ist zur Zeit nicht möglich. Ankern und ausruhen ist erlaubt. Diesel tanken geht, doch Futter für Crew einkaufen geht nicht. Eine weitere Möglichkeit wäre, von Alaska nach Kanada auszufliegen. Dann wieder frisch und fröhlich nach Alaska einreisen und ein erneuter Aufenthalt von weiteren sechs Monaten wird mit dem B1 B2 Visa gewährt. Ist doch absurd! Hört sich dennoch verlockend an: Erst einen Covid19 Test vor dem Abflug. Am Flughafen in Kanada erneuten Nasenpopeltest. Dann geht’s auf direktem Weg in ein vom Staat verordnetes Hotel, welches für den dreitägigen Luxusaufenthalt 2000 Dollar abzwickt. Jetzt Freiheit? Aber nein doch. Die nächsten 10 Tage darfst du dich am Ort deiner Wahl einschliessen. Das Schlussbouquet ist mit einem weiterer NP-Test gekrönt. Diese müssen allesamt negativ ausfallen, sonst hast du eh verloren. Die Bestimmungen für die erneute Einreise in die USA, interessieren uns unter solchen Bedingungen nicht mehr gross. 

Eine weitere Möglichkeit wäre,  nach Mexico fliegen und wieder zurück. Covid19 Test jeweils vor Abflug. Fertig.

Ende März gab das Covid19 Informationszentrum von Alaska für geimpfte Personen gewisse Lockerungen heraus. Da wären wir beim leidigen Thema unterschwelliger Impfzwang.

Die wohlhabenden Länder grabschen wie grosse Monster nach Impfstoff. Obwohl der WHO-Chef Tedros  zu globaler Impf-Solidarität aufruft. Ansonsten geht die ganze Aktion nicht auf.

KOMMT ZEIT KOMMT RAT ein Spruch den ich oft von meiner Mama gehört habe.

Wir sind nun beide geimpft. 

Wir fühlen uns echt befreiter. Ein Stück Lebensfreiheit schimmert durch am Horizont aufsteigenden Nebel. Denn für die Covid19 Impfungen sind noch viele Faktoren unerforscht. 

 

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March 15 2021

Hund, Pflanzen und Fische – gegen Haus

Bereits nach Neujahr haben Susia und Brat genug vom Winter. Sie wollen abhauen. An die Wärme. Doch der alte Hund wird in der Hitze, hundert pro einen Kollaps bekommen.

Sie fragen uns an, ob wir ihn hüten wollen. In ihrem Haus, mitten im Wald und nahe am Strand gelegen.

Das ist die perfekte Gelegenheit! So kann Thomas in Ruhe am Batteriesystem im Boot arbeiten und ich habe Platz, um ein neues Lazy Jack zu nähen und die Segel zu reparieren. Doch beide Vorsegel sind dermassen zerstört, dass sich kein Aufwand mehr lohnt sie zu retten! Ihre Lebenszeit ist eindeutig abgelaufen. Doch da ist kein Segelmacher weit und breit. So bestellen wir die Segel online. Die Formulare für die Messpunkte, sind gut beschrieben. Bei Unklarheiten werden die Fragen per Mail am nächsten Arbeitstag beantwortet. Für die korrekte Vermessung ist der Kunde verantwortlich. Darum sind die Segel im Preis auch massiv günstiger. 

Ende Februar besorgen unsere Freunde sich ein one way Ticket nach Hawaii. Wegen den dauernd wechselnden Covid19 Regelungen, sind sie somit flexibler. 

So kommen wir in den Genuss, für zwei Monate an Land zu leben. Der Hund und wir sind traurig, dass die beiden nun weg sind. Hatten viel Spass miteinander. Spaziergänge, Feuer am Strand, Essen kochen, musizieren, tanzen in ihrem Haus statt in der Bar hängen….. das wird uns fehlen. Alles ist so viel einfacher in einem Haus. Abwaschen mit heissem Wasser, welches automatisch und endlos sprudelt. Ich ertappe mich immer mal wieder wie ich ansetze, um die Fusspumpe zu tätigen. Sich nach Belieben unter eine Dusche stellen oder ein heisses Bad geniessen gehört zum Hochgenuss. Ein riesiger Kühlschrank mit Gefriertruhe, um dessen Energie wir uns nicht sorgen müssen, ist grossartig.  Im Backofen kann ich Brot für eine ganze Grossfamilie backen. Ich geniesse es, die schönen grossen Zimmerpflanzen zu pflegen. Doch die Fische verunsichern mich. Wie viel fressen die? Sue hat es mir gezeigt. Doch jedes mal wenn ich in die Nähe vom Aquarium komme, betteln sie. Also gebe ich Futter. Nach wenigen Tagen ist das Wasser trübe geworden. Google meint, ich hätte zu viel gefüttert. Den nächsten Tag verbringe ich mit Wasser wechseln und Aquarium reinigen. 

Die erste Woche nehmen Thomas und ich Ferien voneinander. Er wohnt in der Robusta und ich im Haus. Beide geniessen den Abstand zueinander. 

Thomas hat in dieser Zeit die Bleibatterien gegen Lithium ausgetauscht. Das ist ein größeres Projekt, da die halbe Elektrik zu überarbeiten ist. Angefangen bei den Batteriezellen, die in eine Halterung gehören. Sie vertragen keine Kälte. Deshalb werden sie geheizt und isoliert. Das Batteriemanagement überwacht die Zellen und kontrolliert die Ladegeräte, Alternator und die Verbraucher. Wer über Details zur Technik und Einbau in ein Boot lesen möchte, empfehle ich Nordkyn Design.

Der alte Hund findet sich nach wenigen Tagen damit ab, dass er nun von mir gefüttert wird und es täglich bei jedem Wetter zum Training raus geht. Doch an einem Tag war es übertrieben stürmisch und sehr kalt. So entschied ich mich gegen meine Prinzipien, mit dem sichtlich frierenden Hund, einen Zwischenstopp bei Mc Donalds einzulegen.  Doch wegen Covid19 war nur der Drive Thru offen. So stellte ich mich mit Gerdy hinter ein Auto in die Reihe um die Bestellung aufzugeben. Eigentlich handelte es sich bereits um eine Illusion, dass die mich bei Sturm, kurz vor Weltuntergang, mit einem nassen Hund rein lassen würden. Doch dass ich nicht bestellen durfte, weil ich nicht mit einem Auto in der Reihe stand, ging weit über mein Verständnis hinaus. Ich lerne, Mc Donalds ist und bleibt ein verblödeter Laden, der selbst unter widrigsten Lebensumständen gemieden gehört.

Nach sieben Wochen kommen Sue und Brat, bestens erholt vom Hawaii zurück. Da die Robusta nun in der Werft steht, bieten uns Nachbarn an, in ihrem Hausboot zu wohnen, welches in ihrem Garten steht. Es ist schon unglaublich, was für nette, spannende und hilfsbereite Menschen wir immer kennen lernen. Danken euch allen von Herzen! 

 

 

 

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January 4 2021

Neue Freunde finden in der Corona Epoche

Die Robusta liegt unversehrt im Hafen. Doch Drinnen ist es saukalt und nur wenige Grad wärmer als draussen. Die klammen Kojen laden nicht direkt zum Ausruhen ein. Erst mal kräftig lüften und die Dieselstandheizung auf volle Pulle drehen. Decken aufhängen und die Matratzen aufstellen, damit von allen Seiten warme Luft wehen kann. Dann aber nichts wie raus aus diesem Chaos. Nach der langen Fahrt von Anchorage habe ich mich eigentlich, auf gemütliches in der Koje hängen und einen Film auf dem Tablet gaffen, eingestellt. Statt  zu schmollen, flüchten wir in die kleine Hafenbar Salty Dawg. Die Bude befindet sich im alten Leuchtturm. Brennt das Licht im Turm, ist die Bar offen.  Erstaunlicherweise auch trotz Corona. Dort treffen wir auf einen überdrehten Haufen. Alle scheinen sich zu kennen. Wir sind die Fremden. Ein halbes Bier später, quasseln uns die Anwesenden Löcher in den Bauch. Sie sind völlig verblüfft, dass Schweizer nach Alaska gesegelt sind und den ganzen Winter im Hafen wohnen wollen. Nach dem dritten Bier werden Telefonnummern ausgetauscht. Von den Amis heisst es ja, sie seien super spontan, aber auch entsprechend oberflächlich. Mal schauen was daraus wird. 

Eine Woche später sind sämtliche Bars geschlossen. Das Virus hat sich eine Angestellte vorgenommen. Aus Angst,  die Kunden der betroffenen Bar könnten in die anderen Lokale drängen, schliesst der Salty Dawg ebenfalls seine Türen. Andere Lokale ziehen nach. Alle hocken nun in der Kälte – auf dem Trockenen.

So ein Mist. Wo lernen wir Leute kennen? Ich befürchte uns steht eine einsame Zweisamkeit bevor. Als kontaktfreudige Person stimmt mich die Situation traurig. So suche ich im Netz nach Alternativen. Alle Sportvereine nehmen keine neuen Kunden an. Kursangebote sind zur Zeit annulliert.  Der lokale Segel Club ist ebenfalls im Corona-Modus. Alle sonst üblichen Treffen des Clubs finden nicht statt. Nicht mal ehrenamtliche Arbeit ist zu finden!  

Covid19 sei Dank 

Freundschaften knüpfen während der Pandemie, ist nicht so einfach. Üblicherweise laden wir gerne Leute auf die Robusta ein. Doch in ihrem kleinen Bauch ist Physical Distancing nicht möglich. Ich weigere mich jemals den Ausdruck Sozial Distancing zu verwenden. So ein idiotischer Begriff! Passt doch überhaupt nicht. Sozialkontakte sind ein Lebenselixier. Mit all den technischen Errungenschaften, ist es zum Glück möglich, Kontakte nach wie vor zu pflegen. Einfach auf eine andere Art. Ansonsten läuft hier das Leben fast normal weiter. Unsere Familien und Freunde sind da schon ganz anders gefordert. Lockdown, Home Office, Homeschooling, Job verloren, keine Kohle zum Rechnungen bezahlen und weitere Dramen spielen sich in weiter Ferne ab. Unsere Probleme mit geschlossenen Grenzen und Ersatzteilbeschaffung, erscheinen dagegen mickrig. Jedenfalls suggerieren wir uns ein, alles wird schon bald wieder normal. 

Jetzt aber zurück zum für euch absurd klingendem Problem, “Freunde finden”:

Mittlerweile ist ein enger kleiner Kreis an Freundschaften entstanden. Doch wie ist es dazu gekommen? Was ist anders während der Pandemie als üblich? Hier paar nette Beispiele, die uns um die einsame Zweisamkeit brachten. Vielleicht hätte es der Beziehung auch mal gut getan sich ganz und gar aufeinander zu konzentrieren…

Spaziergänger haben die Schweizer Flagge an der Robusta flattern gesehen. Sie haben angeklopft. Alle haben in irgend einer Form Bezug zur Schweiz. Sind dort aufgewachsen, ein Schüleraustausch um Deutsch zu lernen absolviert, oder die Grosseltern sind bereits nach Alaska ausgewandert. Auf Reisen in Homer hängen geblieben, sind auch einige. Daraus sind mittlerweile super nette Freundschaften gewachsen. Dank den beiden tollen Angestellten Annie und Erika vom der Bar  Salty Dawg, sind durch ihre vermittelnde Art, auch ganz wetvolle Kontakte entstanden.

Die Leute die hinter den Telefonkontakten vom Abend im Salty Dawg stecken, gehören offensichtlich zu der mutigeren Sorte. Mit ihnen kochen wir nette Abendessen in der engen Robusta, musizieren und spielen Karten, oder haben es einfach lustig miteinander. Oder hocken draussen, trotz Kälte gemütlich um ein grosses Feuer. In die Bar gehen wir nur wenn wenig los ist.  Alle wollen gesund bleiben. So vertrauen wir einander, dass die Covid19 Regeln ernst genommen werden. Hier im ländlichen Bereich, wird schnell bekannt wenn sich jemand angesteckt hat. Dieses Verhalten birgt ein Restrisiko, mögen die einen jetzt denken.  Egal, auf alles wollen wir nicht verzichten. Viel Zeit verbringen wir mit Freunden für einen Spaziergang oder zum Schneeschuhlaufen und Langlaufen.  Material für diese Aktivitäten haben uns die netten Menschen von Homer ausgeliehen. Grossen Dank!!! Aufenthalt an der frischen Luft ist wegen der kurzen Tage von gerade mal 5 Stunden, für die Gesundheit besonders von Bedeutung. “Cabin Fever” wird der Zustand von Antriebslosigkeit und Niedergeschlagenheit im Winter in Alaska genannt.

Was ich jedoch sehr irritierend finde und auch vermisse, ist das Hände schütteln oder Umarmen. Die Küsserei kann von mir aus für immer verschwinden. Doch irgendwie möchte ich mehr Herzlichkeit zeigen. Doch wie? 

 

 

 

 

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November 1 2020

Anchorage

Fotos sind diesmal keine dabei. Das Thema ist zu brisant. Diese Menschen verdienen Achtung und Persönlichkeitsschutz.

Zu Fuss streifen wir durch das Zentrum von Anchorage. Viele Lokale und Läden sind geschlossen. Bäume und Sträucher tragen Blätter die in allen Farben in der Sonne leuchten. Trotzdem erscheint alles etwas gespenstisch. Nur wenige Autos fahren herum. Die Parkplätze sind fast leer. Im Zentrum fallen mir die vielen verwahrlosten Menschen auf. Jede Altersgruppe scheint vertreten. Auch Kinder sind unter ihnen und auffallend viele Frauen und Natives. Durchaus keine homogene Gruppe. Entlang der Uferpromenade im Wald und sogar im Park, stehen Zelte oder aus Ästen und Planen gebaute provisorische Behausungen. Eine schmutzige Hand mit schwarzen Fingernägeln, zeigt in unsere Richtung. Sie gehört der Frau, die auf einem Stück Karton auf dem kalten Boden sitzt. Ein freundliches God bless you entgegnet sie für die paar Dollarscheine. An Strassenkreuzungen wird gebettelt oder versucht mit Scheibenreinigen etwas Kleingeld zu verdienen. Dass viele von ihnen ein Alkoholproblem haben, ist offensichtlich. Doch auch harte Drogen wie Heroin, Crack und anderes, fanden ihren Weg in den hintersten Winkel der Erde.  

Nun steht auch noch der Winter vor der Tür. Wie soll das gehen? Im Zelt pennen, bei Temperaturen weit unter null Grad Celsius? Mich beschäftigen diese Schicksale und es beelendet mich sehr zu sehen, wie dieses wunderschöne Land aus diversen Gründen leidet. 

Bei unseren Freunden bekommen wir mal wieder Gelegenheit zum Fernsehen und intensiv das Internet zu durchstöbern. So stossen wir auf einige traurige Fakten im Netz. Doch viele Fragen bleiben unbeantwortet. Die Zahl der Erwerbslosen ist in Anchorage mit Einzug von Covid19 auf über 14 % hochgeschnellt. Viele Menschen kamen in die Stadt um einen gut bezahlten Saisonjob zu finden. Doch für so viele ging dieser Plan nicht auf. Die hier Gestrandeten können sich die weite Heimreise nicht mehr leisten. Flüge sind gestrichen und die Langstreckenbusse verkehren zur Zeit auch nicht. Alles ist im entlegenen Alaska teurer als sonst wo in den Staaten. Wer die Miete oder die Raten für das Haus nicht mehr bezahlen kann, endet in Kürze auf der Strasse ab. Die Gesundheits- und Sozialhilfebehörde sind gefordert. Wird es kalt, werden Menschen erfrieren. So wurde im April die Sullivan Arena in eine Notschlafstelle umfunktioniert. Dort übernachten im Schnitt 350 Personen auf Feldbetten. Durch Covid19 bedingt, mit einem Abstand von gerade mal zwei Metern. In der Eis Arena sind nahezu eben so viele Frauen und Familien untergebracht. 

Am 3. November wird in den Vereinigten Staaten Amerika ein neuer Präsident gewählt. Die Stimmung ist derart aufgeheizt. Die Bevölkerung ist absolut gespalten. Themen wie Gesundheitssystem, Wirtschaft, Ethnische Spannungen, Wahlsystem, Waffen, Abtreibung sind  Reizworte. Schnell wird uns klar, über Politik reden ist heikel.

Verlierer wird es bei den Wahlen 2020 so oder so geben. Die ganze Situation scheint mir ein gefährlicher Nährboden für Konflikte, vor allem wenn das Ergebnis eng ausfallen wird.

Morgen fahren wir wieder nach Homer zurück. Mal schauen, wie es der Robusta geht, denn in der vergangenen Woche sind mehrere heftige Stürme übers Land gefegt und es hat auch schon geschneit.

 

 

 

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